Rezensiert:

Im Frühjahr 1938 kam es zum Anschluß der österreichischen Republik an das Deutsche Reich. Ein halbes Jahr später gliederte sich das nunmehrige "Großdeutsche Reich" das mehrheitlich von Deutschen bewohnte sogenannte Sudetenland an. Alle vorgefundenen Lokomotiven und Wagen übernahm die Deutsche Reichsbahn (DRB) und ordnete sie in ihr Nummernschema ein. In den folgenden sieben Jahren kam es zu einer teilweisen Vermischung der Fahrzeuge. Die zwei vorgestellten Bücher geben jetzt erstmals ein komplexes Bild über die nach Österreich umgesetzten sowie die dort und im Sudetenland eingesetzten Lokomotiven. Ersteres Buch ist dabei für Eisenbahnfreunde in Sachsen und Bayern interessant, nennt es doch auch Umsetzungen und Einsätze von tschechischen und/oder österreichischen Lokomotiven in das "Altreich".
Das zweite Buch nennt auch die aus ganz Deutschland nach Österreich umgesetzten und die nach 1938 dort hergestellten Maschinen. Beide Neuerscheinungen haben somit auch für Eisenbahnfreunde in Mitteldeutschland durchaus regionalen Bezug.
(red)

Andreas Knipping / Heribert Schröpfer

Lokomotiven der Groß-Deutschen Reichsbahn -
Illustriertes Verzeichnis der ab 1939 übernommenen österreichischen und tschechischen Triebfahrzeuge

Gera Mond-Verlag, München 1999 ISBN 3-9327 85-34-7 Preis: 49,80 Mark

Nach einer gelungenen Einführung zu den Staaten und Bahnverwaltungen Mitteleuropas von 1914 bis 1938 beschreiben die Autoren die Eingliederung der Fahrzeuge österreichischer und tschechischer Bahnen in die Deutsche Reichsbahn.
Den Hauptteil des 140 Seiten starken Buches machen dabei die Umzeichnungslisten aus. Alle Dampf-, Diesel- und Elektro-Lokomotiven sowie Triebwagen sind nach Reichsbahn-Nummer aufsteigend mit Nennung von alter Nummer, Herstellerwerk, Fabriknummer, Baujahr und Verbleib erfaßt. Die Fahrzeugbeschreibungen sind sehr kurz gehalten, technische Daten fehlen. Aus den Nachlässen von Carl Bellingrodt und Hermann Maey stammen zeitgenössische Fotos der einzelnen Maschinen in der bekannten ausgezeichneten Qualität. Insgesamt ist das Buch mit 239 schwarzweißen Typenfotos von 138 einst österreichischen und 55 zuvor tschechischen Triebfahrzeugen illustriert.

Für deutsche Eisenbahnfreunde sind vor allem die Angaben zu Einsätzen und Umstationierungen der "angegliederten" Maschinen in Schlesien, Sachsen und Bayern interessant. So weist das Buch unter anderem die "Sudeten-35er" (ex CSD 354.7, ex kkStB 429) im Bestand der Bahnbetriebswerke (BW) Görlitz, Schwandorf und Hof nach. Lokomotiven der Baureihe 373 (ex CSD 344.0, ex kkStB 228) zählten ebenfalls eine Zeit lang zum Bestand des BW Görlitz.

Die neue Baureihe 577 (ex CSD 524.2, ex kkStB 180) führte auch das BW Passau. Vergessen werden aber auch nicht die Einsätze der tschechischen Lokomotiven in der Reichsbahndirektion (RBD) Dresden, zu welcher das BW Tetschen zwischen 1939 und 1945 zählte. Eine Aufnahme auf Seite 204 zeigt die stolze tschechische Konstruktion mit deutscher Nummer vor den Bastei-Felsen im Elbsandsteingebirge auf dem Weg nach Dresden.

Auch die dem deutschen Schmalspurfreund wohl bekannteste österreichische Lokomotivbauart, die der Reihe U, ist bei Knipping und Schröpfer vorgestellt. Die ehemalige F 11-13 der Friedländer Bezirksbahn mit 750 Millimeter Spurweite verblieb nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone und wurde von der Deutschen Reichsbahn ja auch in Sachsen als 99 791 und auf anderen Strecken der DDR als 99 4712 eingesetzt bis sie leider verschrottet wurde.

Fazit:
"Lokomotiven der Groß-Deutschen Reichsbahn" bietet einen guten Überblick über die betrieblich interessante Ära bis 1945. Das Buch ist Nachschlagewerk und Bilddokumentation zugleich. Den Anspruch eines ganz besonderen Lok-Archives erfüllt es allerdings nur bedingt, bleiben doch Wünsche nach technische Angaben für den Unwissenden leider unerfüllt. Dennoch kann das 17 mal 24 Zentimeter große und stabil in Pappe eingebundene Buch durchaus empfohlen werden. Bei der erreichten Druckqualität der Fotos, dem sauberen Layout und dem gut dargebotenen interessanten Inhalt kann der Preis von 49,80 Mark als angemessen bezeichnet werden.

Achim Lütke

Anmerkung:

Laut einem Hinweis im rezensierten Buch plane der Gera Mond-Verlag, auch über die aus dem Memelgebiet, Polen, Belgien, Frankreich und Jugoslawien übernommen Lokomotiven einen Band herauszugeben.


Roland Beier / Hans Sternhart

Deutsche Reichsbahn in Österreich 1938 1945 ( 1953)

Josef Otto Slezak-Verlag, Wien 1999 ISBN 3-85416-186-7 Preis: 70,- Mark / 490,- öS

Die 192seitige Monographie aus Österreich beginnt sofort mit dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in die Alpenrepublik und der Übernahme der staatlichen Eisenbahn durch die Deutsche Reichsbahn (DRB). Detailliert erläutern die Autoren die Auswirkungen auf Bahndirektionen, Strecken und Fahrzeuge. Der Einsatz und Verbleib von Lokomotiven aus dem "Altreich" oder dem Ausland wird ebenso dargestellt wie Neuanlieferungen der österreichischen Industrie an die Deutsche Reichsbahn sowie die Entwicklungen in der Besatzungszeit nach 1945 bis 1953.

Mit dem Abzug der Siegermächte (1953) führten die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) 1953 ein neues Nummernsystem ein, welches das Ende des Berichtszeitraumes markiert. Verleger Josef Otto Slezak beschreibt in einem Kapitel die zwei Phasen von DRB-Aufschriften an österreichischen Lokomotiven und schildert anschließend ausführlich seine persönlichen Erlebnisse in der Reichsbahnzeit.

Den Hauptteil des Buches bildet eine umfangreiche Bilddokumentation der Fahrzeuge (240 Fotos). Angaben zu den Loks fehlen, da deren Kenntnis beim österreichischen Zielpublikum vorausgesetzt wird. Dafür erklären die Autoren penibel die jeweiligen Beschriftungen und eventuelle Normabweichungen. Dem Bildteil schließt sich ein Tabellenteil mit Hersteller, Fabriknummer, Baujahr, Eigentümer und Betriebsnummer vor und nach 1938 sowie dem Verbleib der Lokomotiven an. Hinweise, welche Lokomotiven im "Altreich" zum Einsatz kamen (Bsp. 56 3256 in Dresden Friedrichstadt) und welche Loks in der DDR (Bsp. 92 2218, Leuna) verblieben, machen das Buch zu einer wahren Fundgrube.

Fazit:
Obwohl sich das Buch an einen österreichischen Interessentenkreis richtet, ist es eine tolle Bereicherung für jede Sammlung deutscher Lok-Archive. Ebenfalls ein Kauftip!

Achim Lütke


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