Rezensiert:

Reinhard Richter (Hrsg.)

Feldbahnen im Dienste der Landwirtschaft
Die Rübenbahnnetze der deutschen Zuckerfabriken

Verlag Bernd Neddermeyer, Berlin 2006, 312 A4-Seiten mit 422 Schwarzweißfotos, Grafiken und Zeichnungen, ISBN: 3-933254-65-5, Preis: 36,- Euro

Wesselburen, Klein Wanzleben, Tessin, Woldegk, Znin, Kruschwitz (Kujawien), Pellpin - Orte in West-, Mittel- und im alten Ostdeutschland - was verbinden wir Eisenbahnfreunde mit ihnen? Richtig, sie alle verfügten über ein umfangreiches Feldbahnnetz, auf welchem einst Rüben in die dortigen Zuckerfabriken gebracht worden sind. Öffentlichen Verkehr gab es auf diesen Bahnen mit Spurweiten von 600 über 716, 750, 780 bis 900 mm nur in Ausnahmefällen. Trotzdem sind diese Bahnen, die jenseits von Oder und Neiße teils noch bis vor wenigen Jahren in Betrieb waren, immer mehr in den Blickwinkel von Schmalspurbahnfreunden geraten, kamen hier doch auch mehrere ausgemusterte Kleinbahnfahrzeuge oder solchen baugleiche Loks und Wagen zum Einsatz.

Sekundärliteratur über die bis zu 100 km Umfang erreichenden Feldbahnnetze der Zuckerfabriken war bisher ausgesprochen rar. Seit wenigen Monaten ist nun jedoch eine einzigartige Fleißarbeit im Handel erhältlich, herausgegeben vom im Februar vorigen Jahres viel zu jung verstorbenen Reinhard Richter. Unter Mithilfe zahlreicher Experten wie Helmut Pochadt, Wolf-Dietger Machel, Carlheinz Becker und Klaus Jünemann entstand ein äußerst bemerkenswertes Nachschlagewerk, welches es dem Rezensenten sehr angetan hat. Geordnet nach Regionen bzw. einstigen politischen Einheiten sind alle Zuckerrübenbahnen in Westdeutschland, Mecklenburg, Pommern, Brandenburg, Schlesien, Westpreußen, der Provinz Posen sowie dem heutigen Sachsen-Anhalt ausführlich beschrieben. Streckenskizzen und Fahrzeugtabellen machen die Monographie zu einem famosen Lexikon.

Den Vorbildcharakter der Arbeit macht dabei ebenfalls aus, daß auch polnische Experten sowie schwedische und niederländische Forscher ihr Wissen und Fotos eingebracht haben. Wer also beim Lesen von westpreußischen Ortsnamen deutsche Säbeln rasseln hört, sollte getrost zum Arzt gehen! Dem Herausgeber gehört statt dessen postum großes Lob ausgesprochen, die seuchenartig verbreiteten Scheuklappen der „political correctness“ schmunzelnd übergangen zu haben - Richter stand mit seinem Geschichtswissen und -verständnis über solchen Dummheiten. Entsprechend findet man nicht nur einseitig die in Deutschland gebauten Fahrzeuge aufgelistet, sondern eben auch die polnischen Konstruktionen.

Kleinbahnfreunde dürften sich u.a. über Aufnahmen und Hinweise auf Einsätze von Loks der Kleinbahnen Lingen - Berge - Quakenbrück (Cn2t, Hanomag 1903/4013, S. 18), Bleckede (1Ch2t, Jung 1919/2835, S. 44) sowie der Marienwerder Kleinbahn (Cn2t, S. 219) freuen. Anhänger von HF-Loks werden auf zwei HF110C bei Bernburg (ab S. 119) und eine Brigadelok (S. 205) stoßen. Selbst der Einsatz von zweiachsigen sächsischen 750-mm-Sitzwagen in Kujawien sowie eines 1897 in Güstrow für die Zuckerfabrik Pellpin gebauten Sitzwagens sind bildlich dokumentiert. In der Pellpiner Lokliste taucht dann auch die österreichische Cv3 (Dn3vt, später Trebnitz) auf...

Fazit:
Danke Reinhard Richter und Helfern für diese große Fundgrube! Und Dank an Bernd Neddermeyer, dieses Werk verlegt zu haben, was scheinbar nur „Randgruppen“ interessiert. Doch solch ein Buch hat in der deutschen Eisenbahnliteratur bisher noch gefehlt. Ein weiterer Bonus ist die hervorragende Druckqualität der Schwarzweißfotos. Einziges Ärgernis: Eine hohe Anzahl von Tipp- und Typographiefehlern. Dennoch wird der interessierte Eisenbahnfreund den Kauf nicht bereuen!
André Marks

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