Rezensiert:

Günter Wengorz/Gero Fellhauer

Erinnerungen an die sächsische Nebenbahn Reichenbach - Göltzschtalbrücke - Lengenfeld

Foto & Verlag Jacobi, Reichenbach (V) 2007, 176 Seiten Format A4 mit 257 Schwarzweiß- und 20 Farbfotos sowie 57 Grafiken, ISBN: 978-3-937228-30-3, Preis: 33,- Euro

Genial!“ Diesen Ausruf konnte sich der Rezensent beim ersten Durchblättern des besprochenen Buches nicht verkneifen. Was war passiert? Seine Blicke waren haftengeblieben an Farbaufnahmen von Triebwagenbeiwagen im Jahr 1942, von 19 013 im Jahr 1957, von 75 563 im Jahr 1967 sowie an 17 weiteren durchweg historisch wertvollen Farbaufnahmen z. B. mit preußischen T9.3 und der roten V 60 1164.

Doch der Schwarzweißteil birgt ähnliche Überraschungen: Nicht nur die bisher bekannten etwa 50 Streckenaufnahmen, sondern knapp 200 Fotografien zeigen den Einsatz von sächsischen VII T, V T, vor allem aber preußischen T9.3 und V60. Dazu gesellen sich neun(!) Aufnahmen vom VT 135 005, welcher lediglich von Oktober 1933 bis Dezember 1939 auf der „Mylischen Berta“ pendelte. Diesen Kosenamen trug die längst eingestellte und abgebaute Regelspurbahn von Reichenbach ob Bf über Mylau zur Göltzschtalbrücke und von dort per Spitzkehre weiter nach Lengenfeld (Vogtl). Neun Jahre nach dem Erscheinen einer ersten kleinen Streckenmonographie zu dieser Nebenbahn legen Günter Wengorz und Gero Fellhauer im Verlag Jacobi ein 176seitiges A4-Buch vor, welches detailliert über die Vorgeschichte, den Bau, den Hochbetrieb mit seinem interessanten Fahrzeugeinsatz, den Niedergang und den Abriß der ehemaligen RMG-GML-Linie informiert.

In ihrem Fleißwerk korrigieren sie zahlreiche Irrtümer, Verwechslungen und Fehler. Ehrlich geben die Autoren allerdings zu, noch immer keine Angabe zur letzten Fahrt zum Bahnhof Göltzschtalbrücke machen zu können. Überhaupt gehen sie sehr behutsam und kritisch an die Geschichte „ihrer“ Strecke heran, was dem Buch einen angenehmen, professionellen Charakter verleiht. Hochinteressant sind die neuen Forschungsergebnisse zur geplanten Verlängerung vom Bahnhof Göltzschtalbrücke nach Greiz.

Hinsichtlich des Buch-Layouts blieb das dahingehend geschulte Auge des Rezensenten im Vergleich zur Gestaltung des Buches über die ZF-Linie (siehe PK 97, Seite 15) an keinerlei „Pannen“ mehr hängen - Kompliment! Und was gibt es zu bemängeln? Vorausgenommen: Marginalien. Zwei, drei Bildtexte sind etwas holprig formuliert, mehrere Bindestriche fehlen und über ein Dutzend Kommas sind überflüssig. Das Alter und der hohe Aussagewert der unscharfen Aufnahmen rechtfertigt bis auf ganz wenige Ausnahmen in allen Fällen ihren Abdruck. Die Freude überwiegt darüber, z. B. eine T9.3 im Jahr 1940 am Haltepunkt Mylau Bad zu sehen. Die Mühe, vermutlich Hunderte Familienalben im Großraum Reichenbach einzusehen, hat sich gelohnt - dickes Lob!

Fazit:
Das neue Buch zur „Mylischen Berta“ ist die Überraschung des Jahres. Die gelungene Darstellung des Bahnbetriebs - vor allem aber die Bebilderung - machen den Kauf des Werkes sehr lohnenswert. Es bringt viel Licht in die Geschichte einer früh eingestellten Linie, über die bisher nur wenig bekannt war. Auch wessen Interessenschwerpunkt nicht im Vogtland liegt, dem sei diese bemerkenswerte Streckenmonographie sehr empfohlen.

André Marks


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