Rezensiert:

Falk Thomas

Die Obererzgebirgische Eisenbahn Schwarzenberg – Zwickau und ihre Fortsetzung nach Johanngeorgenstadt

144 S. A5 mit 127 Abb., Tabellen und Zeichnungen, Hrsg: Verein Sächsischer Eisenbahnfreunde e. V. – Eisenbahnmuseum Schwarzenberg (Sächsische Eisenbahngeschichte Heft 8), ISBN: 978-3-9408819-99-4, Preis: 9,90 Euro

Zu den frühesten Eisenbahnprojekten im Königreiche Sachsen gehörte neben den großen Durchgangslinien nach Bayern, Österreich-Ungarn und Preußen zum Anschluß an das im Entstehen begriffene deutsche Eisenbahnnetz auch eine Verbindung zwischen Zwickau, Aue und Schwarzenberg. Und das nicht zufällig, erhielt doch dadurch die bereits seit dem 6. September 1845 ans Schienennetz angebundene Industrie- und Bergbaustadt Zwickau Anschluß ins arbeitsreiche Erzgebirge und den dortigen Gruben sowie Fabriken. Das Obererzgebirge wiederum hoffte auf Verbesserung der eigenen Absatzmöglichkeiten, Reduzierung der aufgrund der hohen Frachtspesen deutlich teueren Lebensmittelpreise als im Niederland – eben auch auf ein bißchen Wohlstand. 1858 gelang das Werk, um das sich vor allem Berghauptmann von Beust und Schwarzenbergs Bürgermeister Weidauer verdient gemacht hatten. Zusammen mit den Bahnen nach Chemnitz (1855) und Riesa (1851) waren damit die großen Wirtschaftsstandorte untereinander sowie mit dem Ausland und dem wichtigen Elbhafen verbunden. Das alles ist nun genau 150 Jahre her, so daß 2008 eine Reihe von Jubiläumsfeierlichkeiten entlang der Strecke stattfinden.

Ein solch rundes Jubiläum ist natürlich auch der rechte Anlaß für eine literarische Würdigung. Falk Thomas hat sich dieser Aufgabe angenommen und gibt zunächst in kurzen Skizzen einige informative Hinweise zur Geschichte des Landstrichs und seiner Bewohner. Es folgen Abschnitte zur Vorgeschichte und – sehr detailliert – zu Bau und Eröffnung der Obererzgebirgischen Bahn, wobei auch die Kohlebahnen um Zwickau ausführlich vorgestellt werden. An so einer lag ja auch die Königin-Marienhütte Cainsdorf, einer der wichtigsten Schienen- und Stahlbrückenlieferanten Sachsens.

Wie bereits im Titel avisiert, wird anschließend die Fortsetzung der Strecke von Schwarzenberg nach Johanngeorgenstadt und weiter nach Böhmen bearbeitet. Das ist insofern logisch, da beide Strecken – gerade zur Wismut-Zeit – nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Außerdem jährt sich heuer für die Johanngeorgenstädterin das Eröffnungsjubiläum zum 125. Male – so daß das Heft zugleich praktischerweise für beide Jubilarinnen genutzt werden konnte.

Den Schwerpunkt bilden die Kapitel zur Betriebsgeschichte (einschl. des zweigleisigen Ausbaus Zwickau – Aue ab 1892 sowie der zahlreichen Bahnhofserweiterungen) sowie zur Wismutzeit; gefolgt von Fahrzeugeinsatz (die heute beim Molli fahrende 99 323 wurde ja 1951 als Lok 44 der Wismut-AG für die Haldenbahn Schlema in Dienst gestellt), Betriebsstörungen (wobei sich die Liste der Hochwasser schon etwas beängstigend liest) und den Feierlichkeiten im Laufe der Zeit. Den Abschluß bildet ein kurzer Aufsatz zur Erzgebirgsbahn, die sich in höchst löblicher Weise um die Zukunft beider Bahnen verdient macht und auch maßgeblich die diesjährigen Feierlichkeiten unterstützt.

Den außerordentlichen Reiz machen zahlreiche, bislang weniger bekannte historische Ansichten und die Lichtbilder vom zweigleisigen Ausbau der Johanngeorgenstädter Bahn aus, die auch in sehr ordentlicher Qualität abgedruckt sind – wie überhaupt alle s/w-Bilder generell. Vereinsfreund Thomas hat da wahrhaftige Schätze aus den Archiven herausgeklaubt, Respekt. Leichte Schwächen erlauben sich hingegen einige wenige Farbaufnahmen aus neuerer Zeit, doch das wird nicht weiter als störend empfunden. Auch über einige politische Unkorrektheiten bzw. Mißverständlichkeiten (1830 gab es noch kein „Deutsches Reich“ und nicht die deutsche Wehrmacht hat 1939 den 2. WK „entfesselt“) kann man auch hinwegsehen.

Viel störender, obgleich der Rezensent aufgrund eigener Verfolgung durch den Druckfehlerteufel in dieser Thematik eher zu Milde und Nachsicht tendierend, muß leider bemängelt werden, daß vom Autor die Chancen eines Lektorats durch kundige Vereinsmitglieder (zumal das Heft ja vom Verein herausgegeben wird) leichtfertig vertan worden sind und so der Lesegenuß der überaus interessanten Schrift beeinträchtigt ist. Auch wird eine Gliederung verwendet, so daß zur besseren Orientierung ein Inhaltsverzeichnis am Anfang gute Dienste geleistet hätte. Eine Nachauflage sollte auch einen festeren Einband erhalten.

Fazit:
Jahrelanger Fleiß und Wissen um die Materie zahlen sich für den Leser in einer kompakten Darstellung beider Strecken aus, die zugleich durchaus viel Neues zur Geschichte der obererzgebirgischen Bahnen beinhaltet. Das Preis-Leistungsver-hältnis darf für das Gebotene – trotz der genannten Kritikpunkte – als außerordentlich günstig betrachtet werden, besonders unter dem Blickwinkel der hervorragenden Bildauswahl.

Bezugsmöglichkeiten: Zu den Öffnungszeiten im:
VSE-Eisenbahnmuseum Schwarzenberg
Schneeberger Str. 40 , 08340 Schwarzenberg
postalisch: edition bohemica Untere Leite 3, 95502 Himmelkron


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