Stillgelegte Schmalspurbahnen heute (Teil I)

Wolkenstein – Jöhstadt
(Abschnitte Wolkenstein – Steinbach und Jöhstadt – Jöhstadt Ladestelle)

Auch Jahrzehnte nach der Stillegung vieler Schmalspurbahnen sind von diesen immer noch Relikte in der Landschaft auszumachen. Mit diesem Beitrag startet eine Folge von Artikeln, die den Jetztzustand ehemaliger sächsischer Schmalspurbahnen beschreiben und Tips geben, wo auch im neuen Jahrtausend noch Überreste einstiger Betriebsamkeit zu finden sind. Den Start für diese Serie bildet der nicht wiederaufgebaute Teil der Schmalspurbahn Wolkenstein – Jöhstadt.

Seit dem Beginn des Wiederaufbaus der Preßnitztalbahn konzentriert sich das allgemeine Interesse in erster Linie natürlich auf die Museumsbahn zwischen Jöhstadt und Steinbach. Die Veränderungen im unteren Streckenabschnitt werden von den meisten nicht derart wahrgenommen, wie die Aktivitäten der Museumsbahn. Es hat aber auch nach dem Streckenabbau zwischen Wolkenstein und Steinbach eine Reihe von Veränderungen gegeben. Andererseits sind immer noch einige – wenn auch wenige – Zeugen der Schmalspurzeit vorhanden.

Bereits in Wolkenstein findet man neben dem ehemaligen Güterschuppen ein Schmalspurgleis. Über das Ende dieses Gleises scheint übrigens einmal ein Wagen hinaus gefahren sein, denn noch heute sind im Straßenpflaster hinter dem Gleis die Spuren einer Entgleisung in 750-mm-Spurweite sichtbar. Ansonsten gibt es im Bahnhof Wolkenstein keine Schmalspurgleise mehr. Der Lokschuppen ist noch vorhanden. In ihm und auf Teilen des ehemaligen Schmalspurareals liegen nun schon seit über zehn Jahren Regelspurgleise.

Der Bahnhof macht einen sehr „ökologischen“ Eindruck. Der größte Teil der Fläche ist mit Wildbewuchs übersät. Eisenbahnbetrieb gibt es in Wolkenstein nur noch in Form der hier endenden Triebwagen aus Flöha. Über die Zschopaubrücke und weiter in Richtung Annaberg-Buchholz bzw. Jöhstadt lagen auch im Mai 2001 noch Reste des Dreischienengleises. Doch schon im Sommer soll dieser Abschnitt erneuert werden.

Am ehemaligen Abzweig der Schmalspurbahn (Kilometer 1,4 der WJ) gibt es zu beiden Enden der ehemaligen Schmalspurbrücke über die Zschopau noch einige wenige Meter demontierte Schmalspurgleisjoche. Im weiteren Verlauf bis zu den Gebäuden der Firma Carl Dietrich GmbH (früher VEB Paka Glashütte, Betriebsteil Streckewalde) ist die Schmalspurtrasse von Bäumen bewachsen. Ab hier kann man die Trasse bequem erwandern oder mit dem Rad befahren. Bis kurz vor den Bahnhof Steinbach ist der Bahndamm in den letzten Jahren fast durchgehend für diesen Zweck ausgebaut worden. Dabei wurden nahezu alle Preßnitzbrücken wieder eingebaut, wenn auch nur in „Leichtbauweise“ für den Fußgänger- und Radverkehr.

Hinter Streckewalde sowie zwischen Nieder- und Oberschmiedeberg erfüllen durch die Anlage des Radweges die originalen Schmalspurbrücken eine neue Aufgabe. Somit erfährt auch der untere Teil der Preßnitztalbahn eine touristische Nutzung. Als positiver Effekt muß dabei angesehen werden, daß die Schmalspurtrasse in ihrem kompletten Verlauf erhalten bleibt und für jedermann im wahrsten Sinne des Wortes erfahrbar ist.

Von den ehemaligen Zwischenstationen ist nicht mehr viel erkennbar. In Streckewalde ist das ehemalige Bahnhofsareal mit Gras bewachsen. Im Empfangsgebäude von Großrückerswalde hat „Silvias Bahnhäusl'“, ein Imbiß, Einzug gehalten. Zwischen hier und Niederschmiedeberg macht der aufmerksame Beobachter noch zwei kurze Gleisreste in Bahnübergängen ausfindig.

Auf dem ehemaligen Bahnhof Niederschmiedeberg tummeln sich Kinder auf dem nach der Wende errichteten Spielplatz. Das einzigartige Stationshäuschen fiel Mitte der neunziger Jahre einer Abrißaktion der Gemeinde zum Opfer. Der Bahnhof Oberschmiedeberg wird teilweise als Firmengelände genutzt. In Steinbach erreicht der Wanderer schließlich die Museumsbahn. Vor der BHG liegt noch ein originaler Gleisstumpf mit Prellbock.

Zwischen Steinbach und Jöhstadt bietet sich dem Besucher auf acht Kilometern Streckenlänge die idealste Form der Trassennutzung – eine Fahrt im Schmalspurzug der Museumsbahn.

Zwischen Jöhstadt und Jöhstadt Ladestelle ist die Trasse noch weitestgehend vorhanden, jedoch nur schwer begehbar, da üppiger Baumbewuchs dem Wanderer den Weg versperrt. In diesem Abschnitt sind sämtliche Schmalspurbrücken noch vorhanden. Das Gelände des ehemaligen Endbahnhofes Jöhstadt Ladestelle wird heute als Firmengelände genutzt. An die Schmalspurbahn erinnert hier noch das alte Zollgebäude. Von hier aus sollte die Strecke einst bis nach Weipert (Vejprty) weitergebaut werden. Realisiert wurde dies jedoch nie, und somit endete die Strecke unmittelbar an der Grenze zur tschechischen Republik.

Holger Drosdeck


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