Stillgelegte Nebenbahnen heute (Teil X)

"Mylsche Berta"

Reichenbach i. Vogtl. ob. Bf. - Mylau - Lengenfeld (Vogtl.)

Obwohl die 21,1 Kilometer lange vogtländische Regelspurstrecke Reichenbach ob. Bf. - Mylau - Lengenfeld lediglich 52 Jahre komplett in Betrieb war, so währte die Geschichte dieser Strecke doch fast 100 Jahre, nämlich von 1895 bis 1993. Die zahlreichen Industriebetriebe im unteren Teil der Stadt Reichenbach verlangten Ende des 19. Jahrhunderts nach einem direkten Eisenbahnanschiuß.

Der seit 1846 existierende obere Bahnhof an der Hauptstrecke Leipzig - Hof reichte für das Verkehrsaufkommen der Stadt nicht mehr. Am 30. April 1895 wurde somit die Nebenbahn Reichenbach ob. Bf. - Mylau - Göltzschtalbrücke eröffnet. Der Bahnhof Göltzschtalbrücke lag am Fuße des gleichnamigen Bauwerkes auf Netzschkauer Flur. Eine Verlängerung der Bahn nach Greiz war angedacht, kam jedoch nie zustande. Hingegen fand am 17. Mai 1905 die Eröffnung der Streckenverlängerung durch das Göltzschtal nach Lengenfeld statt, wo Anschluß an die ZF-Linie (Zwickau - Falken stein) bestand.

Amtlich war die Bahnlinie Reichenbach - Mylau - Lengenfeld in zwei Strecken unterteilt. Die RMG war der Teil Reichenbach - Mylau - Göltzschtaibrücke und die LMG der Teil Lengenfeld -Mylau - Göltzschtalbrücke. Der Reiseverkehr wurde bis auf den Abschnitt Wolfspfütz - Lengenfeld bereits am 14. Dezember 1957 eingestellt. Der Restverkehr folgte zum 28. Mai 1971. Der Güterverkehr endete in Teilabschnitten zwischen 1958 und 1977. Die letzte Befahrung eines Stücks Streckengleis der RMG/LMG fand am 12. Mai 1993 mit der Kleinlok 312 130-8 statt.

Hierbei wurden die seit Jahren abgestellten Schadwagen zwischen Woifspfütz und Lengenfeld abgeholt. Heute gibt es immer noch einige Zeugen der Bahn zu bewundern. Vor rund fünf Jahren waren es dennoch wesentlich mehr. Bis zirka 1999 lag vom oberen Reichenbacher Bahnhof aus noch das Streckengleis bis kurz vor Reichenbach Ost. Es verschwand im Zuge des ICE-tauglichen Ausbaus der Sachsenmagistrale. Die Widerlager mehrerer Brücken bei Reichenbach Ost zeugen noch von der Existenz der Strecke.

Das Gelände des früheren Spitzkehrenbahnhofs Reichenbach Ost gibt sich durch die Standardbahnhofsbauten der Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen zu erkennen. Durch das Stadtgebiet führte die Bahn in Richtung Reichenbach unt. Bf., wo die im PK 69 beschriebene Schmalspurbahn nach Oberheinsdorf abzweigte. Bis zum unteren Reichenbacher Bahnhof läßt sich die Trasse so gut wie nicht mehr erkennen. Straßen haben ihren Platz eingenommen, unter anderem die B 94. Auf dem unteren Bahnhof zeugen Empfangs- und Verwaltungsgebäude sowie der Güterschuppen vom einstigen Eisenbahnzeitalter.

Weiter in Richtung Mylau ist die Bahntrasse aufgrund der seit Ende der siebziger Jahre neuen Straßenlage ebenfalls nicht mehr erkennbar. Der Bahnhof Mylau sticht durch die Bahnhofsbauten hingegen wieder als solcher hervor, ebenfalls der frühere Bahnhof Göltzschtalbrücke. 1999 errichtete man hier einen Denkmalbahnsteig mit zwei Gleisen, auf dem eine V 15 aufgestellt wurde. Ein Jahr später verschwanden diese Eisenbahnzeugen jedoch wieder, scheinbar befand man sie als überflüssig. Heute startet an gleicher Stelle ein Fesselballon, der Touristen einen Blick auf die Göltzschtalbrücke von oben ermöglicht. Auf Schautafeln haben Besucher dennoch die Möglichkeit, sich über die Trassierung und die Geschichte der "Mylschen Berta" zu informieren.

Im Verlauf der Strecke nach Lengenfeld existieren im Stadtgebiet von Mylau noch heute einige weitere gut sichtbare Brückenwiderlager. Zwischen Mylau Anker und Mylau Haltepunkt ist sogar eine Blechträgerbrücke vor der Kulisse der Mylauer Kirche erhalten geblieben. Gäbe es hier heute noch Zugverkehr, wäre sie mit Sicherheit eines der beliebtesten Fotomotive der Strecke. Von kurz hinter dem Haltepunkt Mylau Bad ist die Strecke - ähnlich wie die Preßnitztalbahn zwischen Streckewalde und Steinbach - bis fast nach Lengenfeld seit 2001/02 als Radweg ausgebauf. Im GÖltzschtal hat der Radfahrer dabei eine breitere Fahrbahn zur Verfügung.

Zwischen Mylau Bad und Mühlwand entdeckt der aufmerksame Beobachter die alten Kilometersteine der Eisenbahn sowie eine noch originale Pfeiftafell Beides wurde durch ABM restauriert. Der Bahnhof Mühlwand ist heute Öffentlicher Grillpiatz und Pkw-Parkplatz für die zahlreichen Ausflügler im GÖltzschtal. Vom Haltepunkt Schneidenbach ist absolut nichts mehr auszumachen. Bis 1994 stand das ehemalige Holzwartehäuschen noch an der Ortsstraße und diente Bustahrgästen als Unterstand. Dann wurde es durch ein modernes Glasdach ersetzt. Der Bahnhot Weißensand ist teils mit Garagen bebaut. An der Bahnhofseinfahrt aus Richtung Reichenbach wurde für den Radverkehr im Herbst 2002 wieder eine Brücke in die alten Widerlager eingesetzt. Ein Bahnhofsgleis lag hier noch bis 1999.

Die Gleise zwischen Weißensand und Wolfspfütz wurden teilweise erst 1990/91 demontiert. Einiges altbrauchbares sächsisches Oberbaumaterial gelangte 1991 nach Carlsfeld zur damaligen "Museumsbahn Schönheide/ Carlsfeld e. V.", um beim dortigen Aufbau Verwendung zu finden. Zu einem Einbau des Gleismaterials kam es dann aber nie.

Vom Bahnhof Wolfspfütz sieht man heute wiederum fast nichts mehr. Lediglich ein Bahnwärterhaus gibt sich noch zu erkennen. Die Gleise ab hier kamen 1999 zum Ausbau. Der Ausbau zum Radwanderweg erfolgte 2002 bis Lengenfeid-BaumwoIlspinnerei. Von hier bis kurz vor Lengenfeid liegen die Gleise momentan noch, sie sollen aber in diesem Jahr demontiert werden. Die Einbindung in den Bahnhof Lengenfeld wurde schon 1996/97 beim Ausbau der Strecke Zwickau - Falkenstein für 80 km/h gekappt, denn damais entstand an der Lengenfelder Bahnhofseinfahrt eine neue Brücke. Der hiesige Bahnhof verfügt heute über drei Gleise. Erfreulicherweise blieben die historischen Bahnsteigdächer erhalten, die beim Bahnhofsumbau 1905 im Zuge des Baus der LMG entstanden. Wenn man so will, sind sie ein letztes Zeugnis der „Mylschen Berta" In Lengenfeld.

Holger Drosdeck


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