Stillgelegte Nebenbahnen heute (Teil XIII)

WG-Linie, Teil 3 (Schluß) Mertitz Gabelstelle – Gärtitz

Die vorige Begehung einer Teilstrecke der ehemaligen Linie Wilsdruff – Gärtitz im PK 3/03 führte bis nach Lommatzsch. Der Abschnitt bis Mertitz Gabelstelle wurde von den Strecken Meißen Triebischtal – Lommatzsch und Lommatzsch – Döbeln Hbf gemeinsam genutzt.

Heute wenden wir uns der letztgenannten Bahnlinie zu, unsere Exkursion beginnt in Mertitz Gabelstelle, einer im landschaftsbezogenem Baustil errichteten Bahnstation. Hier war der eigentliche Anfangspunkt der Strecke nach Gärtitz und in der Fortführung nach Döbeln Hbf. Diese wurde am 25. November 1911 feierlich eröffnet. Der Reiseverkehr spielte stets eine untergeordnete Rolle. Im Gegensatz dazu stand der rege Güterverkehr, vor allem während der Rübenkampagne. Auch viele Durchgangsgüterzüge liefen über die Strecke zur Zuckerfabrik Döbeln mit ihrer umfangreichen Anschlußbahn.

Trotzdem gab es für die Strecke frühzeitig Rationalisierungsbestrebungen. So wurde bereits am 29. Mai 1965 der Verkehr zwischen Döbeln Hbf und Döbeln Nord eingestellt. Zwischen Döbeln Nord und Döbeln-Gärtitz beförderte man die Reisenden im Auftrag der DR mit Bussen im Schienenersatzverkehr. Als am 30. September 1968 die letzten Schmalspurwagen der Zuckerfabrik Döbeln zugeführt wurden, läutete damit das Sterbeglöcklein für den Rest der Strecke.

Bis Februar 1969 endete der gesamte Wagenladungsverkehr. Um eine Kreuzung der projektierten Autobahn Leipzig – Dreieck Nossen über die Schmalspurstrecke zu umgehen, verkürzte man ab 1. Juni 1969 die Strecke bis Kleinmockritz. Einen Tag zuvor fanden feierliche Abschiedsfahrten statt. Am 3. Januar 1970 war dann auch der Tag des Abschieds zwischen Kleinmockritz und Lommatzsch gekommen. Es war ebenfalls ein würdiges Abschiednehmen, das die Menschen in großen Scharen zu den Bahnstationen trieb.

Der Abbau der Gleise erfolgte 1970/71, und vielerorts wurde die Trasse rekultiviert, so daß die Strecke heute nur noch mit Einschränkung zu begehen ist. So ist die Streckenführung bis Mertitz Dorf heute nur noch schlecht auszumachen, wir müssen die parallel zur Bahn verlaufende Straße nutzen. Von dort über Wahnitz bis zur Leubener Dreibogenbrücke (eingestellte Regelspurlinie Riesa – Nossen) erinnert nichts mehr an die Existenz einer Eisenbahn. Es sei denn, man macht einen kleinen Abstecher zur Freilichtbühne Leuben, denn dorthin wurde das Stationsgebäude des Bf. Wahnitz als Umkleideraum und Künstlergarderobe umgesetzt.

Erst im Ort Leuben dient der Bahndamm als Rad- und Wanderweg, er ist hier sogar Bestandteil des überregionalen Elbe-Mulde-Radweges. Erhalten blieb die Stahlträgerbrücke beim km 36,946, gut fotografierbar ist sie nur in der laubfreien Jahreszeit. Am Ortsausgang muß man wiederum auf die Straße ausweichen und in Kürze erreicht man den Bf. Leuben-Schleinitz. Hier errichtete man ab 1978 eine Siedlung typischer DDR-Einfamilienhäuser. Lediglich das gepflegte Beamtenwohnhaus der Familie Dieter Fiedler erinnert noch an die Bahnzeit.

Entlang der Straße erreichen wir den Bf. Lossen, zuvor erblickt man die beim km 39,32 noch erhalten gebliebene Stahlträgerbrücke. Das Stationsgebäude befindet sich in einem desolaten Zustand und soll demnächst abgerissen werden. Bis Beicha ist die Trasse noch auszumachen. Auf dem Gelände des dortigen Bahnhofes entsteht unter Regie des Enkels des letzten Agenturinhabers eine kleine technikgeschichtliche Sammlung und Erinnerungsstätte an die Zeit der Schmalspurbahn.

Danach muß der Streckenwanderer wiederum auf die Straßen ausweichen, diesmal in einiger Entfernung zur Bahn. Fernab des eigentlichen Dorfes liegt der Bf. Kleinmockritz, in völlig desolatem Zustand findet man das Stationsgebäude, das Beamtenwohnhaus und den BHG-Gebäudekomplex. Der geübte Wanderer kann dem Trassenverlauf wieder bis Mochau folgen. Interessant ist vor allem der Einschnitt mit der halb zugeschütteten Betonbrücke beim km 43,90. In Mochau ist das einstige Bahnhofsgelände noch erkennbar, wenngleich Stationsgebäude und Abtritt nicht mehr existieren.

Der Streckenverlauf bis Simselwitz ist wiederum größtenteils von der Straße aus einzusehen. Gut erkennbar ist auch noch das einstige Bahnhofsgelände mit Stationsgebäude und Wagenkasten. Bis zur A 14 ist die Trasse gut erhalten, eine Autobahnunterquerung ist aber nur auf der Straße möglich. Am km 50,46 befindet sich eine imposante Betongewölbebrücke, wenig später erkennt man den Verlauf des einstigen Überschneidungsbauwerkes mit der Riesa-Chemnitzer Linie und die Streckenführung bis Döbeln-Gärtitz. Das Stationsgebäude dient heute Wohnzwecken, das Planum des großflächigen Schmalspurbahnhofes ist noch gut erkennbar. Am km 51,8 endet somit unsere Exkursion auf den Spuren der Schmalspurbahn Wilsdruff – Gärtitz.

Die zwischen Mertitz Gabelstelle und Döbeln-Gärtitz zurückgelegte Wegstrecke läßt sich natürlich ebensogut mit dem Rad oder mit kleineren Einschränkungen auch mit dem Auto bewältigen. Informationen findet der Eisenbahnfreund auch unter „www.eisenbahnrelikte.de“ im Netz. Dem Interessenten sei auf alle Fälle zur besseren Orientierung gutes Kartenmaterial und das Buch „Die Schmalspurbahn Lommatzsch – Döbeln“ mit einem Anhang zur Geschichte der Döbelner Pferdestraßenbahn (288 Seiten, 27,- €) empfohlen. Zu beziehen ist es ausschließlich über die IG Verkehrsgeschichte Wilsdruff e. V., PF 31, 01723 Wilsdruff oder telefonisch über 0351/643521.

Peter Wunderwald


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