Stillgelegte Nebenbahnen heute (Teil XIV)

NG-Linie Greiz – Neumark

Bereits im Sommer 1997 erschien im Preß'-Kurier ein zweiteiliger Artikel über die thüringisch-sächsische Nebenbahn Greiz – Neumark vom Autor dieses Beitrages. Damals war der Anlaß hierfür die Stillegung der Strecke. Nunmehr – nach über sechs Jahren – bietet es sich an, die ehemalige Bahnlinie im Rahmen der Reihe „Stillgelegte Nebenbahnen heute“ noch einmal ins Blickfeld zu rücken.

Denn mehr als ein halbes Jahrzehnt brachliegende Gleise sind nicht spurlos an der ehemaligen NG-Linie (Abk. für Neumark – Greiz) vorbeigegangen. Wer heute nach dem Bahnsteiggleis 3 auf dem Greizer Bahnhof sucht, wird hierbei nicht mehr fündig. Dieses Gleis sowie auch alle anderen ehemaligen östlichen Bahnhofsgleise von Greiz existieren seit 2002 nicht mehr. Der früher 31-gleisige Bahnhof besteht inzwischen nur noch aus drei durchgehenden und zwei Stumpfgleisen im Bereich der Elstertalbahn. In Greiz kreuzen anno 2003 regelmäßig 642er-Triebwagen, und ab und zu durchfährt ein Güterzug den Bahnhof. Man kann sagen, der ehemals hochfrequentierte Bahnhof hat heute die gleiche betriebliche Bedeutung wie früher z. B. Großrückerswalde – wenn man darüber philosophiert, schon ein absurd anmutender Gedanke.

Gütertarifpunkt ist Greiz seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Wie erwähnt, wurden die Bahnhofsgleise der ehemaligen NG-Linie 2002 demontiert. Heute würden sie in der Luft schweben. Das Gelände, auf dem sich die Anlagen befanden, wurde einige Meter tief ausgehoben, um hier den neuen Greizer Omnibusbahnhof errichten zu können. Der alte, aus der Nachkriegszeit stammende Busbahnhof mußte wiederum dem Ausbau der B 92 weichen. Auf diese Art und Weise befindet sich mit Stand September 2003 auch in Greiz ein neuer, moderner Schiene-Straße-Schnittpunkt in der Vollendungsphase.

Wandert man das Streckengleis in Richtung Neumark ab, so läuft man zunächst am früheren Bw Greiz vorbei. Auch die Lokbehandlungsanlagen sind völlig verwaist. Wo noch 1990 eine große Lokparade anläßlich „125 Jahre Eisenbahn in Greiz“ stattfand, liegen heute nur noch einige wenige Meter Gleisfragmente. Bäume wuchern nicht nur dort, wo bis vor zirka zwei Jahren die Gleise im Boden lagen, sondern auch auf der Drehscheibe. An den Lokschuppenwänden schimmert weiß der Salpeter.

Nach etwa 200 weiteren Streckenmetern in Richtung Neumark beginnt der Gleisabschnitt, welcher erst im Juli 1995 komplett erneuert wurde. Damals tauschte man den noch aus dem Jahr 1935 stammenden Oberbau gegen nagelneue Holzschwellengleise. Bei der Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h blieb es. Heute wuchern auch hier Pflanzen im Gleis. Nach etwa 1,7 Kilometern, kurz vor dem Hainbergtunnel, ist das Gleis der NG erstmals für rund 400 Meter unterbrochen. Vor und im Tunnel sowie in Teilen des Bahnhofs Greiz-Aubachtal wurden die Schienen irgendwann zwischen Oktober 2002 und Juli 2003 ausgebaut.

In Greiz-Aubachtal ging der Gleisrückbau auf kuriose Art und Weise vonstatten: Seit etwa 1999 hat sich auf dem Bahnhofsareal ein Baustoffhändler ausgebreitet. Dort, wo die Gleise von Baustoffen zugestellt sind, wurden diese bis dato nicht demontiert. Nur im Richtung Greiz zugewandten Bahnhofskopf hat man vollendete Tatsachen geschaffen. Das Empfangsgebäude von Greiz-Aubachtal hat inzwischen nur noch zugemauerte Türen und Fenster. Weiter in Richtung Neumark liegt das Streckengleis wieder, unterbrochen durch den fehlenden Bahnübergang über die Beethovenstraße.

Entlang der Kehrmannstraße ist das Gleis ebenfalls noch vorhanden, bewachsen von übermannshohem Gestrüpp. Der Bahnübergang über die B 94 in der Ortslage Greiz ist wiederum Geschichte. Auf den folgenden Kilometern liegt das Gleis bis Brunn, jedoch mehrmals unterbrochen durch fehlende Bahnübergänge. Unter anderem existiert auch die bis 1970 sogar beschrankte Querung mit der Landstraße Schönbach – Brunn nicht mehr. Bei Gottesgrün wurden zusammen mit einem Bahnübergang auch etwa 100 Meter Streckengleis abgerissen. Zwischen Brunn und Neumark existiert das Streckengleis auf etwa zwei Kilometern ebenso nicht mehr. Es fiel 1999 dem neigetechniktauglichen Ausbau der Sachsenmagistrale zum Opfer, indem deren Gleisbögen derart aufgeweitet wurden, daß sie in das Profil des früheren Greizer Streckengleises hineinragen.

Im Bahnhof Neumark ist von der NG-Linie nichts mehr auszumachen. Den Greizer Bahnsteig gibt es nicht mehr. An seiner Stelle liegt heute ein Gleis der Hauptbahn. Die Gleisgeometrie von Neumark wurde 1999 komplett verändert. Auch ist der Personentunnel zum Bahnsteig 3 verfüllt worden. Große Teile des hiesigen hölzernen Empfangsgebäudes wurden im August 2003 abgerissen. Vielleicht zeugt in weiteren sechs Jahren nur noch der Aubachtaler Tunnel von der einst ersten Greizer Eisenbahn. Pläne, die Bahnlinie als Radweg zu nutzen, hat es in der Vergangenheit bereits gegeben.
Holger Drosdeck


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