Stillgelegte Nebenbahnen heute (Teil XVII)

Schweinitztalbahn Olbernhau-Grünthal – Deutschneudorf

Eine der Eisenbahnstrecken in Sachsen mit der kürzesten Betriebsdauer dürfte die Schweinitztalbahn genannte Linie von Olbernhau-Grünthal nach Deutschneudorf im oberen Erzgebirge gewesen sein. Die regelspurige Nebenbahn zweigte kurz hinter dem Bahnhof Olbernhau-Grünthal von der Linie Flöha – Pockau-Lengefeld – Neuhausen ab und wurde erst am 2. Mai 1927 eröffnet.

Vorher zog sich der Bau der Strecke kriegs- und krisenbedingt zehn Jahre lang hin, nämlich von 1914 bis 1924. Zwischen 1924 und 1927 lag die Strecke schon drei Jahre lang fertig in der Landschaft, bevor sie eröffnet werden konnte. Denn die Schweinitztalbahn führte teilweise über nach 1919 tschechisches Gebiet, was für ihre Inbetriebnahme einen neuen Staatsvertrag notwendig machte. Der vor 1914 mit Österreich abgeschlossene war mit Gründung der Tschechoslowakei ungültig geworden ...

Im März 1927 erlaubte der Nachbarstaat in den betroffenen Abschnitten das Befahren tschechischen Bodens, woraufhin am 2. Mai 1927 die Eröffnungsfeier stattfinden konnte. Der Reiseverkehr zwischen Olbernhau-Grünthal und Deutschneudorf wurde jedoch gerade einmal 39 Jahre lang aufrechterhalten. Bereits am 21. Mai 1966 fuhr der letzte Personenzug. 1969 kam auch für den Güterverkehr das Aus, es folgte der Streckenabbau.

Wer sich heute hier auf Spurensuche begibt, findet noch einige Zeugen des Eisenbahnzeitalters im Schweinitztal. Ausgehend vom Bahnhof Olbernhau-Grünthal verliefen beide Strecken gemeinsam bis zum Abzweig Neuschönberg, dessen Stellwerksgebäude heute noch vorhanden ist. Noch vor diesem Gebäude trennten sich die beiden Linien. Nach nur wenigen Dutzend Metern erreichte die Strecke böhmisches Gebiet. Die gemauerte Grenzbrücke über die Flöha ist noch heute vorhanden. Die einst über tschechisches Gebiet führenden Gleise und die Bahnstation Brandau/Brandov sind längst abgerissen.

Bei Hirschberg kam die Trasse nach der Überquerung der Schweinitz wieder auf sächsischen Boden. Auf diesem umfuhren die Züge bis 1969 in einem großen Bogen die Ortschaft Hirschberg. Der Bahndamm endet zunächst auf einer Wiese am Ortsrand, ab hier wurde sie ein Stück abgetragen. Kurz darauf überbrückte die Strecke früher die Straße nach Deutschneudorf. Das ehemalige Bahnhofsgebäude von Niederlochmühle ist noch erhalten, es befindet sich auf dem Gelände einer Baufirma. Der Stationsname ist an dem markanten Holzhäuschens noch gut zu lesen.

Nach dem Abzweig der Straße nach Kurort Seiffen kann der Bahndamm ganz bequem erkundet werden – er wird heute ein längeres Stück als Fahrweg genutzt. Kurz vor Oberlochmühle überquerte die Eisenbahn erneut die Ortsstraße nach Deutschneudorf, der Stahlträgerüberbau der Brücke ist entfernt. Das hölzerne Stationsgebäude Oberlochmühle ist hingegen noch vorhanden. Wenige Meter später beginnt ein im Bogen gebauter Steinviadukt, der wohl als Wahrzeichen der Bahn bezeichnet werden kann.

Nach vielen Bögen und Einschnitten erreichte die Strecke nun bald Deutschkatharinenberg. Vor dem ehemaligen Bahnhof ist noch eine Brücke über eine Zufahrstraße vorhanden. Hinter dem alten Güterschuppen endet der begehbare Teil der Strecke. Nach dem Bahnhof führt die Trasse wieder oberhalb der Straße nach Deutschneudorf, an dessen Ortseingang noch die Widerlager an die Eisenbahn erinnern. Aber auch das Empfangsgebäude und der Lokschuppen des Endbahnhofes sind noch vorhanden. Ersteres wird heute von einer Metallbaufirma genutzt, die das Haus teilweise erweitert hat. Da sich das Gleisende, um besser rangieren zu können, über dem Schweinitzbach befand, mußte einst noch eine Brücke errichtet werden, die ebenfalls noch heute an die Eisenbahnzeit in Deutschneudorf erinnert.
H. Drosdeck/A. Marks


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