Stillgelegte Nebenbahnen heute (Teil XX)

Die Mülsengrundbahn Mosel – Ortmannsdorf

Im Jahr 2004 ist die Stillegung und der Abbau der in der Nähe von Zwickau gelegenen Schmalspurbahn Mosel – Ortmannsdorf 53 Jahre her. Die Bahn wurde am 1. November 1885 eröffnet und zur Gewinnung von Oberbaumaterial bereits am 20. Mai 1951 wieder stillgelegt. Nichtsdestotrotz lassen sich auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch zahlreiche Zeugen der Mülsengrundbahn finden. Der Regelspurteil des Bahnhofes Mosel umfaßt mittlerweile nur noch drei Gleise, und zwar die beiden Streckengleise der DW-Linie Dresden – Werdau sowie das Gleis der 1893 eröffneten Industriebahn Mosel – Crossen – Zwickau.

Der ehemalige Schmalspurteil präsentiert sich heute weitgehend als ungenutzte Brachfläche. Dort, wo früher die Personenzüge abfuhren, liegen Betonplatten und teilweise wächst Gras. Der Standort der Umladehalle ist ebenso eine leere Fläche aus Betonplatten. Einige Meter weiter in Richtung Bahnhofsausfahrt Ortmannsdorf steht noch der Güterschuppen. Selbst der Anbau ist noch vorhanden. Noch weiter in Richtung Bahnhofsausfahrt stand früher der Lokschuppen. Von ihm ist nichts mehr zu sehen, und auch sein genauer Standort ist nicht leicht auszumachen, denn unmittelbar an den früheren Schmalspurbahnhof Mosel schließt sich seit 1991 das Werksgelände von VW Sachsen an. Die Mülsengrundbahn verließ den Bahnhof Mosel in einem Rechtsbogen. Ab hier ist von der MO-Linie in Richtung Ortmannsdorf erst einmal nichts mehr zu erkennen. Gäbe es die Strecke heute noch, so würde sie mitten über das Betriebsgelände von VW führen. Direkt im Anschluß an das heutige VW-Geände überquerte die Mülsengrundbahn einen Bahnübergang, dessen Lage man noch erkennen kann.

Nach rund 500 Metern Bahndamm ist der km 2,072 MO erreicht, wo früher die Schmalspurbrücke über die Zwickauer Mulde stand. Von diesem Bauwerk ist anno 2004 rein gar nichts mehr zu erkennen. Für die nächsten 200 Meter führt die Trasse über Privatgelände. Es folgte der Haltepunkt Wulm. Das Gelände ist mit einem Einfamilienhaus bebaut, eine Gedenktafel erinnert aber an das Eisenbahnzeitalter. Zwischen Wulm und Niedermülsen war der Bahndamm im Juni 2004 weitgehend sichtbar, zumeist gesäumt von Birken. Das Stationsgelände von Niedermülsen ist mit einem Einfamilienhaus sowie mit dem Gebäude einer christlichen Kirchgemeinde bebaut. Zwischen Baumzweigen kann man aber auch hier ein Gedenkschild für die Bahn entdecken. Im weiteren Verlauf der Schmalspurtrasse bis Thurm ist diese wieder begehbar. Die beiden Thurmer Wartehallen sind anno 2004 nicht mehr vorhanden. Das Bahnhofsareal dient seit Jahrzehnten als Bushaltestelle.

Zwischen Thurm und Stangendorf wird die Bahntrasse in den meisten Abschnitten als kombinierter Fuß- und Radwanderweg genutzt. Die Haltestelle Stangendorf ist mit der Lagerhalle eines Baustoffhandels bebaut. Etwas Schmalspurbahnflair vermittelt in Stangendorf aber die schöne Holzwartehalle, die – umsäumt von zwei Bahnulmen – erhalten blieb. Sogar ein Stationsschild wurde in jüngerer Vergangenheit an das Häuschen wieder angebracht, ebenso ein Hinweisschild auf die Mülsengrundbahn. Zwischen Stangendorf und Mülsen St. Micheln kann man den Bahndamm auf voller Länge befahren. Er ist hier bitumiert. Der ehemalige Bahnhof Mülsen St. Micheln ist heute teilweise mit Garagen bebaut. Auch hier blieb die hölzerne Wartehalle erhalten. Zwischen Mülsen St. Micheln und Mülsen St. Jacob ist der Bahnkörper abermals komplett geteert. In Mülsen St. Jacob befindet sich auf dem früheren Bahnhofsareal heute die Straße „An der Linde“ sowie ein Parkplatz. An das Eisenbahnzeitalter erinnern ein kleines Denkmal sowie das 1909 erbaute Bahnhofshotel „Zur Linde“.

Nach Mülsen St. Jacob geht der Bahndamm in einen kombinierten Rad- und Fußweg über, bevor abermals ein bitumierter Streckenabschnitt folgt. Ab km 10,8 MO beginnt auf dem Bahndamm wieder der Grasbewuchs. Von der Wirtschaftswegüberführung bei km 11,010 MO fallen deutlich die noch vorhandenen Widerlager ins Auge, ebenso wenige Meter weiter die der Klingebrücke. Dann folgen Privatgrundstücke auf dem früheren Gleiskörper. In Mülsen St. Niclas ist auch 2004 noch der Güterschuppen vorhanden. Ansonsten ist die Haltestelle Mülsen St. Niclas mit Garagen bebaut. Zwischen Mülsen St. Niclas und Ortmannsdorf verläuft die Trasse der Mülsengrundbahn heute abermals größtenteils über Privatgrundstücke.

Kurz vor dem Ortmannsdorfer Viadukt befindet sich die Straße „Alter Bahndamm“ auf dem Bahnkörper. Lediglich der Mittelpfeiler samt einer Hinweistafel zeugt heute von o. g. Brücke. Im Bahnhof Ortmannsdorf sind der zweiständige Lokschuppen, das Empfangsgebäude sowie das Wirtschaftsgebäude erhalten. Der Lokschuppen dient als Lagerhalle. Das Empfangsgebäude wird als Wohnhaus genutzt. Der mittlere Teil des Bahnhofs ist mit Garagen bebaut. Dafür, daß die Schmalspurbahn Mosel – Ortmannsdorf bereits seit über 50 Jahren Geschichte ist, kann die Anzahl der anno 2004 noch vorhandenen Zeugnisse der Mülsengrundbahn als hoch bezeichnet werden. Streckenhistoriker sollten sich mit einer Begehung der Trasse aber nicht all zu lange Zeit lassen, denn mit fortschreitender Zeit werden die Relikte der Schmalspurbahn immer weniger.

Holger Drosdeck


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