Stillgelegte Nebenbahnen heute (Teil XXI)

Die Schmalspurbahn Herrnhut - Bernstadt

Die ersten Bemühungen, Bernstadt an das sächsische Bahnnetz anzuschließen, reichen bis in das Jahr 1874 zurück. Die vorgeschlagene normalspurige Linie von Herrnhut über Bernstadt nach Hagenwerder wurde jedoch nie realisiert. Die sächsische Regierung erkannte jedoch den Wunsch der Bernstädter Vertreter nach einem Bahnanschluß an, aber erst über ein Jahrzehnt später ließ sie Untersuchungen zur Linienführung anstellen. Im Ergebnis entschied man sich für eine schmalspurige Sekundärbahn von Herrnhut durch das Pließnitztal nach Bernstadt mit 750 mm Spurweite.

Mit dem Bau der Linie wurde im September 1892 begonnen, wobei in diesem Jahr nur die Hochbauten errichtet wurden. Der Streckenbau begann erst im folgenden Jahr. Die Arbeiten gingen zügig und ohne Probleme voran, so daß am 30. November 1893 die Bahn unter großer Anteilnahme der Bevölkerung feierlich eröffnet und dem öffentlichen Verkehr übergeben werden konnte. Bespannt wurden die Züge auf der 10,1 km langen Strecke von zwei I K-Maschinen, die erst 1925 von Lokomotiven der sächsischen Gattung IV K abgelöst wurden. Rollbock- oder gar Rollwagenbetrieb fand auf der HB-Linie nie statt. Die Bahn war von Anfang an hoch defizitär und hatte nur eine lokale Bedeutung, der Reise- wie auch der Güterverkehr war eher kläglich. Nach Kriegsende wurde die Strecke 1945 von den Sowjets als Reparation beansprucht. Im Herbst 1945 wurde die Linie auf Befehl der SMAD demontiert. Fast das gesamte Material einschließlich Loks und mehrerer Wagen wurde nach Osten abtransportiert, über ihren Verbleib ist fast nichts bekannt.

Doch noch heute finden sich zahlreiche Sachzeugen entlang der Strecke. Die ehemalige Trasse ist zum Teil noch vorhanden und gut zu erkennen. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde versucht, auf fast der gesamten Trasse einen Rad-/Wanderweg zu errichten. Ganz gelang dies jedoch nicht, da der Bahndamm zum Teil sehr zugewachsen ist und an mehreren Stellen verbaut wurde.

Am Ausgangspunkt der Bahn in Herrnhut ist das Empfangsgebäude noch vorhanden, wird jedoch seit Jahren nicht mehr genutzt. Auf dem Schmalspurgelände befinden sich heute ein Parkplatz und ein Einkaufsmarkt. Die Strecke verlief hier etwa 250 m parallel zur mittlerweile stillgelegten Hauptbahn Zittau - Löbau, zweigte dann in einem 180°-Rechtsbogen ab und überquerte die heutige B 178. Der Übergang ist am Birkenbewuchs sehr gut zu erkennen. Hier befand sich auch mit 346,64 m der höchste Punkt der Bahn. Von der Bahnüberführung am km 1,31 sind nur noch die Widerlager vorhanden. Nach weiteren 200 m wird der ehemalige Haltepunkt Niederstrahwalde erreicht. Die über 100 Jahre alte Wartehalle existiert noch heute und wird als Schuppen genutzt.

Aufgrund Verbauung ist die Streckenführung in Berthelsdorf anfangs nicht so leicht auszumachen. Die Lage der Haltestelle (km 3,33) ist anhand alter Bilder unverkennbar. Vom Anschlußgleis der Textilfabrik Paul (km 3,07) ist nichts mehr auffindbar. Dem Bachtal folgend, erreichte die Bahn die Haltestelle Rennersdorf (bis 1939 Oberrennersdorf). Auf diesem Streckenstück findet man die Hektometersteine 48 und 52, von der Bachbrücke am km 5,57 sind noch die Widerlager existent. Von den Hochbauten sind der Freiabtritt, die Wartehalle und der Privatschuppen noch erhalten. Sie werden privat genutzt.

Die Position des Haltepunktes Rennersdorf am km 7,01 (vorher Niederrennersdorf) ist nur mit Hilfe eines Lageplanes auszumachen. In diesem Bereich wurde die Trasse auch zu einem Straßenneubau genutzt. Nach dem Haltepunkt führte die Bahn über eine heutige Kuhweide, an deren Rand man den Hektometerstein 74 aufspüren kann, und anschließend fast immer parallel zur Straße nach Kunnersdorf. Die Hochbauten der Haltestelle Kunnersdorf (km 8,70) sind bereits vor Jahren abgerissen worden. Die Lage ist aber anhand alter Bilder gut zu identifizieren.

Das größte Kunstbauwerk der Strecke wird am km 9,86 erreicht. Der Fachwerküberbau des Pließnitz-Viaduktes wurde erst 1960 demontiert. Widerlager und Pfeilerreste sind noch heute zu erkennen. Bis zum Endpunkt der Strecke war es dann nur noch ein Katzensprung. In einen Linksbogen wurde ein kurzer Einschnitt durchfahren und die Straße Herrnhut - Bernstadt überquert. Der Bahnhof Bernstadt war damit nach 10,1 km erreicht. Die Hochbauten in Bernstadt sind heute noch - zum Teil fast unverändert - vorhanden. Am Empfangsgebäude ist „Bernstadt (Oberlausitz)“ sehr gut lesbar. Das Gelände ist jedoch nicht frei zugänglich.

Noch eine Empfehlung am Rande:
Die Stadt und der Museumsverein Bernstadt präsentieren in loser Folge einen Film aus dem Jahre 1927 der Öffentlichkeit. „Warum in die Ferne schweifen - das Gute liegt so nah“ zeigt eine Wanderung entlang der Pließnitz von Herrnhut über Kunnersdorf, Bernstadt und Schönau-Berzdorf bis zur Neiße. Darunter sind auch schöne Aufnahmen der Schmalspurbahn zu sehen. Terminnachfragen sind bei der Stadtverwaltung Bernstadt möglich (Telefon: 035874/2850).

Claudia Michael/Veronica Rother


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