Stillgelegte Nebenbahnen heute (Teil XXII)

Die Regelspurstrecke Königswalde (Erzgeb) ob. Bf. – Annaberg-Buchholz ob. Bf.

Am 30. Dezember 2004 jährte es sich zum 10. Mal, daß auf der am 1. August 1906 eröffneten, 5,88 km langen Stichstrecke Königswalde (Erzgeb) ob. Bf. – Annaberg-Buchholz ob. Bf. der letzte Zug verkehrte. Aus diesem Anlaß kam damals 86 1001 zusammen mit drei Reisezugwagen aus dem Fahrzeugpark des VSE vor dem wochentags noch täglich verkehrenden Übergabezugpaar von Annaberg-Buchholz Süd aus zum Einsatz.

Ihren Ausgangspunkt hatte die Strecke am km 5,9 der Strecke Weipert – Annaberg. Der Abzweigbahnhof Königswalde (Erzgeb) ob. Bf. hatte aufgrund seiner großen Entfernung zum dazugehörigen Ort nie eine Bedeutung im Wagenladungsverkehr. Zum Fahrplanwechsel im Februar 1999 gab man Königswalde sogar als Zugangsstelle im öffentlichen Personennahverkehr ganz auf. Heute ist sein ursprünglicher, ländlich verträumter Charakter kaum noch auszumachen. Mit Sanierung des Streckenabschnittes Königswalde – Bärenstein im Herbst 1999 baute man die Gleisanlagen zurück und verlegte das im Bogen liegende Streckengleis neu, quer über das ehemalige Bahnhofsgelände.

Die Strecke nach Annaberg-Buchholz ob. Bf. teilte sich in der nördlichen Bahnhofsausfahrt von der Strecke nach Cranzahl, welche im Linksbogen weiter den Bergrücken zwischen Pöhlbach- und Sehmatal erklimmt, während sich unsere Strecke genau auf dessen Scheitelpunkt bis Annaberg entlang schlängelte. Als einzige signaltechnische Ausstattung der Strecke besaß Königswalde bis zum Schluß ein einflügeliges Gittermastformsignal. Im September 1999 wurde dieses umgelagert und auf dem Gelände des ehemaligen Bahnhofes Herold im Thumer Schmalspurnetz aufgestellt.

Nach 1,7 km Strecke, am ersten Bahnübergang nahe der Straßenkreuzung Morgensonne, gab es bis Mitte der fünfziger Jahre die Ladestelle Cunersdorf. Ein Stück weiter, nahe der heutigen Mülldeponie „Himmlisch Heer“, während sich die Strecke schon im Gefälle Richtung Annaberg befand, erinnert eine Tafel daran, daß die Strecke bis hierher die Führung des in den Jahren 1564 bis 1566 errichteten Annaberger Flößgrabens nutzte. Dieser zehn Kilometer lange Kunstgraben, der seinen Ausgangspunkt südlich von Bärenstein hatte, diente bis 1844 dem Holztransport und der Zuführung von Aufschlagwasser für Annabergs Bergbaugruben. In der Ortslage Kleinrückerswalde überquerte die Bahn eine auf zwei steinernen Stützpfeilern gelagerte Brücke – die einzige auf der gesamten Linie. Die Brücke existiert auch heute noch. Kurz dahinter, am Streckenkilometer 4,1, befand sich bis Mitte der fünfziger Jahre die Ladestelle Kleinrückerswalde.

Schon einen knappen Kilometer weiter hatte die Bahn mit dem Anschluß Elektroinstallation Annaberg (bis 1945 AEG) die Stadtgrenze von Annaberg erreicht. Hier verlassen uns derzeit auch die Gleise der einstigen Strecke. Der Anschluß der einstigen Elektroinstallation wurde bereits im September 1995 durch Lehrlinge der Berliner S-Bahn demontiert und zum Teil für den Wiederaufbau der Museumsbahn ins Preßnitztal gebracht. Die linkerhand erkennbare Stützmauer aus Stampfbeton ist übrigens der verbliebene Rest des einstigen AEG-Bahnsteiges, fand doch immer wieder kurzzeitig auf der Strecke Personenverkehr statt. So gelangten z. B. während des Zweiten Weltkrieges zwangsverpflichtete Arbeitskräfte aus Weipert zur AEG.

Die folgenden 800 Meter Strecke bis zum Gelände des ehemaligen oberen Bahnhofes wurden im Frühjahr 2001 unter Regie der IG Preßnitztalbahn e. V. zurückgebaut. In wenigen Jahren wird dann wohl das noch erkennbare Planum dem geplanten vierspurigen Ausbau der Bundesstraße B 95 weichen müssen. Angekommen auf dem früheren oberen Bahnhof von Annaberg, erinnert heute, bereits zehn Jahre nach Abfahrt des letzten Zuges, überhaupt nichts mehr an dessen Existenz. Seine Gleisanlagen, Hochmasten, Güterschuppen und Ladestraße wurden im Sommer 2000 restlos zurückgebaut, die angrenzenden Industriebrachen nach und nach abgerissen und das Gelände durch den neuen Eigentümer, der Stadt Annaberg-Buchholz als Gewerbegebiet erschlossen.

Danilo Grund


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