Stillgelegte Nebenbahnen heute (Teil XXVI)

Die Eisenbahnstrecke Reitzenhain – Pockau-Lengefeld

Die Strecke von Reitzenhain über Marienberg nach Pockau-Lengefeld war Teil der zweiten Eisenbahnquerung des Erzgebirgskammes. Mit ihrer durchgehenden Eröffnung am 23. August 1875 verlor die nur drei Jahre zuvor eröffnete Linie über Annaberg und Weipert einen Teil ihres Transportaufkommens, verkürzte die neue Strecke doch den Weg böhmischer Braunkohle von Komotau nach Chemnitz um etwa 25 km. Der Abschnitt von Pockau nach Marienberg wurde bereits am 24. Mai 1875 mit der Gesamtstrecke ab Flöha in Betrieb genommen. Derzeit findet auf der gesamten Strecke kein Verkehr statt. Zwischen Marienberg und Reitzenhain endete er im üblichen Stillegungsprozedere. Für den restlichen Abschnitt kam das einstweilige „Aus“ mit der Flutwelle durch den Hüttengrund und das Tal der Schwarzen Pockau am 5. Juli 1999.

Schien durch diese enormen Zerstörungen als Folge der Naturkatastrophe das Ende auch dieses Streckenabschnittes besiegelt, stehen die Zeichen für die Zukunft mittlerweile wieder auf „Fahrt“. Die DB-Erzgebirgsbahn plant die Wiederinbetriebnahme. Und mit dem „Tag der Sachsen 2006“ in Marienberg scheint auch schon ein Zeitpunkt in Aussicht zu stehen.

Der Zustand im Jahre 2005: Beginnen wir im Bf. Reitzenhain an der Grenze zur Tschechischen Republik. Das Gleis aus Richtung Landesgrenze liegt hier noch einige hundert Meter. Erhalten sind aber auch das sächsische und das böhmische Zollgebäude, zwischen denen sich das eigentliche Empfangsgebäude mit einer Gaststätte befindet. Links der Schienen in Richtung Pockau entdeckt man die verfüllte Drehscheibengrube. Von den einst umfangreichen Gleisanlagen sind nach dem Rückbau im Jahr 2001 zwei Gleise übrig geblieben. Am Streckenkilometer 2,4 wird die Straße nach Kühnhaide gekreuzt, auf der weiteren Fahrt zweimal die B174.

Beim noch nicht sehr lange zurückliegenden Ausbau der B174 erhielt man sogar beide BÜ, auch wenn hier schon längst kein Verkehr mehr stattfand. Am km 9,9 liegt der Bf. Marienberg-Gelobtland, dessen baufälliges Empfangsgebäude einen trostlosen Eindruck macht. Am Zustand des Bewuchses der erhaltenen Gleisanlagen ist kaum vorstellbar, daß hier im Jahre 1996 nochmals umfangreiche Holzladungsverladung stattfand. Weiter geht es durch dichten Wald, welcher an vielen Stellen auch keine Grenze mehr zur ehemaligen Bahnstrecke kennt. Diesen Wald verlassen wir am Bahnwärterhaus und BÜ am km 11,9 mit Erreichen der Ortslage Gelobtland. Vorbei am dortigen Sportplatz, über eine kleine Straßenüberführung macht die Strecke einen fast 180-Grad Linksbogen.

Am km 14,8 lag der Hp. Marienberg-Gebirge mit seinem linkerhand gelegenen massiven Wartehallengebäude. Aber davon ist nichts mehr erkennbar. Kurz vorher, am km 14,8, in Höhe des einstigen Anschlusses Sägewerk klafft seit dem Hochwasser 1999 ebenfalls eine Gleislücke. Die weitere Strecke liegt nunmehr im Gefälle und kreuzt nochmals an einem mit Warnblinkanlage gesichertem Übergang die Straße aus Gelobtland. Von hieraus erkennt man rechterhand schon die Stadt Marienberg. Um den Bf. zu erreichen, macht die Strecke erneut einen 180-Grad-Bogen, in dessen Verlauf die B 174 überbrückt wird. Im folgenden Einschnitt lag linkerhand der Anschluß des Agrochemischen Zentrums. Der Bf. Marienberg liegt am km 18,9 des Streckengleises.

Hier sind die ersten Baumaßnahmen zur Wiederinbetriebnahme zu erkennen. So wurden kürzlich zwei Gleise per Zweiwegebagger durchgearbeitet, vom Wildwuchs befreit, aber ebenso von den restlichen Nebengleisen getrennt. Bei der weiteren Talfahrt kommt es insgesamt fünf Mal zum Kreuzen der Bundesstraße. Die hier 1999 entstandenen Flutschäden an Brücken und am Gleisbett wurden mittlerweile weitgehend beseitigt. So stehen seit dem Jahr 2004 für die zerstörten Brücken am km 21,9 und 22,2 zwei Ersatzneubauten aus Beton. Zwischen beiden Brücken liegt ein tiefer Einschnitt. Weiter talwärts werden in kurzer Folge mehrere größere Brücken überquert. Linkerhand der ersten liegt im Tal die Modellbaufirma Auhagen. Die Pobershauer Eisenbahnbrücke wurde 1998 durch einen Betonneubau ersetzt. Es folgt eine Steinbogenbrücke mit drei Bögen.

Vor der am km 23,9 gelegenen Station Zöblitz-Pobershau wird eine weitere Blechträgerbrücke überquert, die aber zwei Gleise trägt – talwärts rechterhand nämlich auch das ehemalige Ladegleis des Bahnhofes. Das Gelände ist verlassen und trostlos. Nur hoch aufgetürmte Betonschwellen deuten auf baldige Veränderungen. Die Strecke folgt nun rechterhand dem Fluß der Schwarzen Pockau, die im weiteren Verlauf, vor Erreichen der Ortsgrenze von Pockau, viermal auf Blechträgerbrücken überquert wird. Bei letzterer wurde die Sanierung erst vor kurzem abgeschlossen. Kurz vor Pockau weitet sich das Tal. Auf einer langen Geraden steht das Einfahrtsformsignal des Bf. Pockau. Ein letztes Mal wird die Schwarze Pockau auf einer Brücke überquert, welche auch erst kürzlich eine Verjüngungskur erhielt, ehe man nach Unterqueren einer Unterführung nach 31,2 km den Bf. Pockau-Lengefeld erreicht.

Danilo Grund


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