Stillgelegte Nebenbahnen heute (Teil XXVIII)

Die Schmalspurbahn Zittau - Hermsdorf

Vorab:
Die Zittau-Oybin-Jonsdorfer Eisenbahn (ZOJE), wie die 1890 eröffnete Privatbahn nach Oybin und Jonsdorf bezeichnet wurde, bekam die Genehmigung, ihre Bahnlinie bei Hektometer 16,5 anzuschließen und die Staatsbahnlinie bis Zittau mitzubenutzen. Der Anschlußpunkt hieß Abzweig Neißebrücke und wurde durch einen Wärter bedient. Somit sind die ersten 1,65 km der Schmalspurstrecke Zittau - Kurort Oybin/Bertsdorf - Kurort Jonsdorf ein verbliebenes, letztes Reststück der Reichenauer Schmalspurbahn!

Doch beginnen wir nun am ehemaligen Hektometer (Station) 16,5: Am ehemaligen Anschlußpunkt der „Oybinbahn“, dem Abzweig Neißebrücke in Zittau, wurde das Wärterhäuschen im August 1998 wegen Baufälligkeit abgerissen. Im vormaligen Gleisbereich in Richtung Chopinstraße (ex Friedländer Str.) befinden sich noch wenige Nivellierungspunkte. Das Planum rechts der ehemaligen Friedländer Straße ist nun Wiese. Im Zuge der Umbauarbeiten am Grenzübergang Chopinstraße im Jahre 2004 ist auch hier noch ein Industriegebäude, an welchem die Bahnlinie äußerst nahe vorbeiführte, abgerissen worden.

Die Straßenbrücke des Grenzüberganges trug ehemals rechts das Schmalspurgleis. Die frühere Station Kleinschönau (Sieniawka) befand sich rechts und ist nun mit den Ständen eines Marktes zugebaut. Anschließend schwenkte das Streckengleis auf die Dorfstraße und führte hier auf der rechten Seite direkt vor den Häusern entlang. An der nächsten Straßenkreuzung ist - fast zugeteert - ein Gleisrest erkennbar. Ca. 100 m weiter wechselte das Gleis die Straßenseite, auch hier ist noch ein Gleisrest unter dem Straßenbelag vorhanden. Bis zur Tagebaugrenze ist nichts mehr von der Bahn erkennbar.

Zwischen Reibersdorf (Rybarzowice) und Wald-Bad Oppelsdorf (Opolno Zdrój) befindet sich die weiter fortschreitende Tagebaugrenze. Ab hier ist das alte Streckenplanum noch vorhanden. Auf einem niedrigen Damm führte die Bahn über weites Ackerland auf mehreren Geraden und weiten Bögen. Der Bahndamm, mehrere Nivellierungspunkte seitlich der Strecke und wenige Durchlässe zeugen vom Bahnbetrieb. In einem kleinen Einschnitt folgte die Station Wald-Bad Oppelsdorf. Auch hier steht kein Gebäude mehr. Das Stationsgebäude ist restlos verschwunden, vom Güterschuppen zeugen noch die Grundmauern. Vor wenigen Jahren stand noch ein Eisenbahnerwohnhaus am Bahnhof gegenüber des Stationsgebäudes. Im Anschluß an die Station folgt ein höherer Bahndamm, der abrupt in umgepflügten Gelände an einer neueren Umspannstation endet. Anschließend folgt wieder der Tagebau.

Erst hinter den Abraumhalden an der Ortsgrenze von Reichenau (Bogatynia) kann man wieder auf Spurensuche gehen. Die Ortseinfahrt ist ein heute zugeschütteter Einschnitt, nach der Querung des damaligen Postplatzes folgt die heute als Fußgängerbrücke genutzte Eisenbahnbrücke. Im sich nach einem Bogen anschließenden Bahnhof Reichenau ist bis heute noch sein Empfangsgebäude, ein Nebengebäude und eine Laderampe erhalten. Lokschuppen, Güterschuppen und weitere Nebengebäude sind schon lange nicht mehr existent. In den letzten Jahren wurden hier neue Häuser gebaut. Das Empfangsgebäude und der davorliegende ehemalige Gleisbereich wird als Busbahnhof genutzt. Von den Anschlußgleisen in Reichenau ist nichts mehr vorhanden.

Der folgende Streckenabschnitt befand sich auf der linken Seite der Ortsstraße. Hier ist nichts mehr erkennbar. Erst an der ehemaligen Station Markersdorf (Markocice) sind noch Grundmauern des Stationsgebäudes und das Häuschen einer Straßenfahrzeugwaage, vermutlich aus der Eisenbahnzeit, vorhanden. Anschließend erkennt man die ehemalige Streckenführung noch an den Grundstücksgrenzen des Dorfes mit typischen Oberlausitzer Umgebindehäusern. Zwei Durchlässe und mehrere Nivellierungspunkte sind noch vorhanden. Die Haltestelle Markersdorf ist nur noch am Gelände auszumachen. Zwei aus dem Boden ragende Stützen aus U-Profil scheinen das Stationsschild getragen zu haben.

Im weiteren Verlauf überquerte das Streckengleis die Dorfstraße, um anschließend den Erlbach zu überbrücken. Das Gleis in der Straße ist noch vorhanden, die Brückenträger sind vor einiger Zeit ausgebaut worden. Im Anschluß daran kann man den Bahndamm noch gut erkennen. Er windet sich, den Biegungen des enger werdenden Tales folgend, am rechten Hang langsam hinter den Häusern empor. Die Widerlager einer weiteren kleinen Stahlträgerbrücke, eine Stützmauer im Bogen und auch ein kleiner Einschnitt sind gut zu erkennen. Knapp 0,5 km hinter diesem im Bogen liegenden Einschnitt folgt die Staatsgrenze und unmittelbar danach die damalige Grenzstation Hermsdorf. Hier endet die Streckenbegehung, denn hier ist heute kein Grenzübergang mehr! Auf der linken Talseite steht noch heute das damalige große Beamtenwohnhaus, welches noch immer zu Wohnzwecken genutzt wird.

Tristan Schlick

Der Abdruck dieses Beitrages erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Interessenverbandes der Zittauer Schmalspurbahnen e. V. Die erste Veröffentlichung des Textes kann in der Vereinsinformation Nr. 31 dieses Verbandes auf den Seiten 12 bis 14 nachgeschlagen werden. Informationen erteilt dazu L. Kahnt, Reichenberger Straße 54 in 02763 Zittau, L.Kahnt@hs-zigr.de .


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