Stillgelegte Nebenbahnen heute (Teil XXXI)

Die Schmalspurbahn Hetzdorf – Eppendorf – Großwaltersdorf

Vorbemerkungen

Die Fahrten von 99 590 vom 8. bis zum 10. Juli 2011 vor dem Bahnhofsgebäude in Eppendorf nimmt die Preß’-Kurier-Redaktion zum Anlaß, die vor zehn Jahren im Heft 60 eröffnete Rubrik „Stillgelegte Nebenbahnen heute“ endlich wieder einmal um eine Folge zu erweitern. Dabei gehen wir der Frage nach, was von der ehemaligen Schmalspurbahnstrecke Hetzdorf – Eppendorf – Großwaltersdorf heute noch zu sehen ist.

Zunächst ein kleiner Rückblick: Sowohl eröffnet als auch eingestellt wurde diese 750-mm-Linie jeweils in zwei Abschnitten. Am 1. Dezember 1893 nahmen die K.Sächs.Sts.E.B. zunächst den 9,77 km langen Abschnitt Hetzdorf – Eppendorf in Betrieb. Mitten im Ersten Weltkrieg gelang es dann, eine Verlängerung ins knapp vier Kilometer entfernte Großwaltersdorf zu bauen und am 31. Oktober 1916 einzuweihen. Bereits nach 35 Betriebsjahren wurde dieser Abschnitt jedoch 1951 wieder eingestellt und abgebaut. Auf dem Reststück von Hetzdorf nach Eppendorf verkehrten Ende 1967 die letzten Züge, am 1. Januar 1968 wurde die Strecke offiziell stillgelegt.

Was ist geblieben? – der Stand Juli 2011

Am ehemaligen Spurwechselbahnhof Hetzdorf der regelspurigen Strecke Flöha – Pockau – Marienberg – Reitzenhain können sich Eisenbahnfreunde heute immer noch am einständigen Heizhaus der HE-Linie erfreuen. Es beherbergte in der Anfangszeit der Schmalspurbahn eine Lokomotive der sächsischen Gattung I K, allerdings unterblieb nach deren Ablösung durch die IV und V K eine Verlängerung des Gebäudes, ab 1907 nutzten es die Eisenbahner ausschließlich für Wagenreparaturen.

Mit seiner ursprünglichen Größe ist damit der Lokschuppen Hetzdorf heute einzigartig. Die übrigen erhaltenen einständigen Heizhäuser in Nossen, Cranzahl und Carlsfeld verfügen jeweils über drei Seitenfenster – das Hetzdorfer lediglich über zwei (wovon allerdings das hintere zugesetzt ist). Über der ehemaligen Einfahrt in den Lokschuppen ist mit etwas Mühe noch der Schriftzug „Hetzdorf (Flöhatal)“ entzifferbar. Darüber hängt – verwittert, aber vollständig – der hölzerne Wasserstandsanzeiger. Den ursprünglich vorhandenen Dachaufsatz ließ der Nachnutzer im Rahmen einer Dacherneuerung entfernen. Die beiden großen Schuppentore des Gebäudes mußten bereits nach dem Gleisrückbau kleineren Türen weichen.

Das einst sowohl für Regel- als auch für die Schmalspur genutzte Empfangsgebäude steht derzeit zum Verkauf. Ein Blickfang daran ist der Ende der dreißiger Jahre in kursiven Lettern angebrachte Stationsschriftzug, den Altmeister der Eisenbahnfotografie wie Günter Meyer oder Werner Illgner einst mit 99 535 und anderen Schmalspurfahrzeugen fotografierten.

Bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Hetzdorf in Richtung Eppendorf/Reitzenhain durchfuhren sowohl Schmal- als auch Regelspur einst nebeneinander einen Bogen des alten Hetzdorfer Viaduktes. Die letzten Züge überquerten im Jahre 1992 diese 46 m hohe und 326 m lange Bogenbrücke. Heute führt ein Wanderweg darüber, so daß jedermann den herrlichen Blick auf den Bahnhof Hetzdorf genießen kann. Ähnlich wie im Sebnitztal verliefen beide Trassen parallel nebeneinander. Nach 1,2 km bog die Schmalspurbahn jedoch nach links ab und überquerte auf einer knapp 62 m langen Gitterfachwerkbrücke die Flöha. Von diesem Bauwerk existieren bis heute der Mittelpfeiler sowie die beiden Widerlager.

Der Bahndamm ist auf der anderen Seite des Flusses stark bewachsen, läßt sich jedoch – bei geübtem Blick – gut ausmachen. Am km 1,477 überbrückte die Schmalspurstrecke erstmals die Große Lößnitz, die der HE-/HG- Linie kurz vor der Stillegung den Beinamen „Lößnitztalbahn“ verschaffte. Von der vergleichsweise langen Brücke sind bis heute ebenfalls Widerlager und Mittelpfeiler vorhanden. Im Jahre 2011 erheben sich neben den Brückenpfeilern Bäume – und die Schmalspurbahn fehlt …

Im Bereich des ehemaligen Haltepunktes Hohenfichte (bis Winter 1925/26 Hp. Metzdorf) am km 2,316 kann man auf dem Bahndamm ein kleines Stück entlang gehen. Das Bahnwärterhaus ist bewohnt, die Wartehalle wurde allerdings abgerissen. Der anschließende Bahndamm wurde zu DDR-Zeiten ein längeres Stück untergepflügt. Später ist er von der Straße aus zwar wieder erkennbar, aber meist völlig zugewachsen. Von der Station Lößnitztal ist nichts mehr zu finden.

In Hammerleubsdorf (km 5,568) nutzt die Freiwillige Feuerwehr die ehemalige Wartehalle. Das Bahnhofsgelände diente noch in den neunziger Jahren als Kinderspielplatz – heute grasen Pferde auf dem Rasen, der mit seinem Bewuchs genau die einstige Lage anzeigt, wo das Strecken- und Überholgleis nebeneinander lagen. Da die Busse seit dem Verkehrsträgerwechsel an der Wartehalle einen Stop einlegen, blieb der Stationsname an beiden Gebäudegiebeln erhalten und verströmt längst verlorengeglaubtes Schmalspurbahnflair.

Zwischen Hammerleubsdorf und Eppendorf befanden sich weitere Brücken über die Große Lößnitz, von denen lediglich die Widerlager erhalten geblieben sind. In Eppendorf scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Sowohl das markante Empfangsgebäude – ein ähnlicher Backsteinbau wie in Jöhstadt, Frauenstein oder Hohnstein – als auch Neben- und Wirtschaftsgebäude sowie das einst zweiständige Heizhaus sind noch vorhanden. Dieses Areal bot die ideale Kulisse für die anfangs erwähnte Veranstaltung Anfang Juli 2011. Einzigartig ist der ca. 2 m lange Anbau am vorderen Giebel des Lokschuppens. Dieser wurde 1909 angesetzt, um auch Lokomotiven der sächsischen Gattung IV K unterstellen zu können. Eine massive Verlängerung des Gebäudes, so wie bei anderen sächsischen Schmalspurbahnen nach 1892 oft ausgeführt, unterblieb. Wie in Hetzdorf ist auch am Eppendorfer Heizhaus über der Einfahrt noch der Wasserstandsanzeiger erhalten.

Die weitere Verlängerung der ehemaligen Strecke nach Großwaltersdorf zu finden, ist heute schwierig. An mehreren Stellen ist die Trasse überbaut, doch noch immer sind einige Durchlässe vorhanden. Vom Haltepunkt Großwaltersdorf existiert heute nichts mehr, die dort 1916 errichtete Wartehalle wurde nach der Jahrtausendwende abgerissen. Das nächste Streckenstück bis zum ehemaligen Endpunkt ist fast vollständig überbaut. Lediglich 500 m bis zum einstigen Bahnhof Großwaltersdorf sind asphaltiert. Dort ist nicht nur das Stationsgebäude mit seinen Anbauten, sondern auch der Güterschuppen und das BHG-Gebäude noch erhalten. Diese Hochbauten befinden sich alle in einem recht guten Zustand, sind aber teilweise eingezäunt. Das Beamtenwohnhaus von Großwaltersdorf steht ebenfalls noch, ist aber als solches nur noch schwer zu erkennen, da es mehrfach umgebaut wurde.

Epilog

Wenn auch nicht vor Ort, so sind von der Hetzdorfer Schmalspurbahn letztendlich auch mehrere Stammfahrzeuge erhalten geblieben. Am markantesten dürfte die 1898 gebaute 99 535 sein – die älteste weitgehend im Originalzustand erhaltene IV K. Diese Lok war von 1951 bis 1968 (mit einer kurzen Unterbrechung) Stammlok in Eppendorf und befindet sich seit vielen Jahrzehnten im Verkehrsmuseum Dresden. In Radebeul Ost kann der von der Deutschen Reichsbahn zuletzt als 97-30-03 geführte zweiachsige Gepäckwagen aus Hetzdorf besichtigt werden. Er trägt dort seine ursprüngliche sächsische Nummer 1439K.

Im Zittauer Gebirge werden in Bertsdorf zwei nach Einstellung der HE-Linie an die Firma Fischer (hinter dem Empfangsgebäude Hetzdorf) verkaufte GGw-Kästen der Nachwelt erhalten. Dabei handelt es sich um die ehemaligen 97-10-65 und 97-14-00. Der als Gartenlaube in Hammerleubsdorf genutzte Kasten des vierachsigen Gepäckwagens 974-310 brannte in den neunziger Jahre ab; der gemeinsam mit den beiden GGw von der Firma Fischer in Hetzdorf geborgene Kasten des einst vierachsigen Sitzwagens 970-379 brach der Interessenverband der Zittauer Schmalspurbahnen e.V. vor zwei Jahren ab. Der Zustand des Aufbaus war zu schlecht geworden. Lediglich der Rahmen dieses Fahrzeuges ist bis heute erhalten.

Auf dem Bahnhof Jöhstadt wird seit 1992 die ehemalige Anschlußweiche aus Merzdorf genutzt. Im Schmalspurbahnmuseum Radebeul Ost hängt hingegen an der Wand das originale Stationsschild „Großwaltersdorf (Sachs) Hp“. Es war von den Mitgliedern der Traditionsbahn Radebeul e.V. vor etwa zwei Jahrzehnten geborgen und nach Radebeul gebracht worden, um es der Nachwelt zu erhalten.
André Marks

Vielen Dank an Andreas Fischer und Matthias Hengst für ihre Unterstützung!


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