Stillgelegte Nebenbahnen heute (Teil VI)

Wilkau-Haßlau Carlsfeld

Die erste und längste sächsische Schmalspurbahn hatte ihren Ausgangspunkt im Bahnhof Wilkau-Haßlau an der Strecke Zwickau Johanngeorgenstadt und führte über die Höhen des Vogtlandes sowie des Westerzgebirges bis nach Carlsfeld. Die Strecke wurde in Abschnitten zwischen 1881 und 1897 eröffnet und erreichte eine Länge von 41,9 Kilometern.

Wer heute entlang der ehemaligen WCd-Linie auf Spurensuche geht, wird noch an so mancher Stelle fündig. Wo früher im Bahnhof Wilkau-Haßlau die Schmalspurzüge abfuhren, befindet sich jetzt eine brache Fläche. Versteckt hinter Gestrüpp steht noch der Wagenkasten eines zweiachsigen sächsischen gedeckten Güterwagens. Im Verlauf der ehemaligen Strecke existieren bis Kirchberg noch einige Brückenwiderlager. Da die Linie in diesem Abschnitt größtenteils unmittelbar neben der Straße entlang führte, ist der Bahnkörper zumeist nicht mehr auszumachen. Die Verbreiterung der Straße Mitte der siebziger Jahre nahm den Platz der Bahn in Anspruch.

Noch gut erkennbar ist das Areal des Bahnhofs Cunersdorf, der nicht mit der gleichnamigen Haltestelle zu verwechseln ist. Während letztere dem öffentlichen Verkehr diente, hatte der Bahnhof nur die Aufgabe, Zugkreuzungen zu ermöglichen.
Auf dem Bahnhof Kirchberg steht heute ein Getränkemarkt. Im Lokschuppen sollte ursprünglich ein Schmalspurbahnmuseum eingerichtet werden. Die hier hinterstellten Fahrzeuge, die Altbau-IVK 99581 sowie die Reisezugwagen 970-325 und 970-600, wurden jedoch im Sommer 1983 verschrottet. Der Abriß des Lokschuppens folgte 1987.

Der Trassenverlauf in der Stadtdurchfahrt Kirchberg ist für den Ortsunkundigen eher schwer nachvollziehbar. Im Bereich des ehemaligen Hp. Kirchberg befindet sich jetzt eine Straße.

Direkt hinter dem Haltepunkt liegt die letzte erhaltene originale Stahlbrücke der WCd, die Sonnenbrücke. Im Bereich einer Textilfabrik existieren noch einige Meter Anschlußgleis. Das Gelände des oberen Bahnhofs in Saupersdorf dient einem holzverarbeitenden Betrieb. Auch im Anschluß der Firma Jehn & Co. liegen noch Gleise und sogar eine Weiche.

Im weiteren Verlauf der Trasse bis Rothenkirchen läßt sich der Bahnkörper gut erkennen. Kurz vor Obercrinitz wurde die Dammkrone auf einigen hundert Metern abgetragen. In Rothenkirchen stand bis 1996 die IVK 99516. Sie wurde inzwischen zur Museumsbahn Schönheide überführt. Noch vorhanden ist das Rothenkirchener Empfangsgebäude. Der Güterschuppen sowie das Wasserhaus wurden trotz Denkmalschutzes 1994 abgerissen. Seit 1999 gibt es hier dennoch wieder ein Denkmal für die Schmalspurbahn: Einige Meter Gleis, ein Prellbock und der Rollwagen Rf 4 97-09-35 der Museusmbahn Schönheide bereichern das Areal.

Auf dem nächsten Bahnhof Stützengrün hat sich ein Getränkemarkt eingerichtet. Von den beiden Stützengrüner Viadukten existieren nur noch die Widerlager. Einige hundert Meter weiter beginnen die Gleisanlagen der Museumsbahn Schönheide. In einem Einschnitt legte der Verein den Hp. Stützengrün-Neulehn an. Diesen Haltepunkt gab es an der früheren Schmalspurbahn nicht. Der ehemalige Haltepunkt Stützengrün existiert heute wieder vor dem Gebäude der Bürstenfabrik. Er ist jetzt mit Stützengrün bezeichnet.

Die folgenden 3,3 Kilometer bis Schönheide Mitte können seit 1997 wieder mit dem Zug bereist werden, wobei die Gleisanlagen sowohl in Neuheide (Schönheide Nord) wie auch in Schönheide Mitte nicht wieder nach historischem Vorbild aufgebaut werden konnten. In Neuheide verhinderten dies Garagen und in Schönheide Mitte ein Getränkemarkt auf dem Bahnhofsgelände. Zwischen Schönheide Mitte und Schönheide West führte die Bahn durch einen Einschnitt. Dieser ist seit Jahren mit Gießereisand und Abfall verfüllt. In Schönheide West steht heute ein Supermarkt. Das Empfangsgebäude verschwand 1999 von der Bildfläche. Hinter Schönheide West folgt eine Mülldeponie, bevor der Bahndamm bis Schönheide Süd brach liegt.

Vom Muldentalviadukt in Schönheide Süd stehen neben den Widerlagern auch noch die zwei steinernen Mittelpfeiler. Im Bahnhof Schönheide Süd existiert seit 1992 wieder die Überladerampe für Schmalspurfahrzeuge. Hier verrotten der Packwagen 974-356, GGw 97-09-77 und OO 97-21-99. Der hiesige Güterschuppen befindet sich seit Juli 2001 in der Obhut des Fördervereins Historische Westsächsische Eisenbahnen e.V. Momentan wird er repariert. Der davor aufgestellte Kasten des Einheits-GGw 97-10-96 wird ebenfalls durch den FHWE genutzt.

Die Gleistrasse zwischen Schönheide Süd und Carlsfeld ist noch erkennbar. Hier existieren u.a. sämtliche Betonbrücken. In Wilzschmühle findet der Schmalspurfreund die hölzerne Wartehalle der Bahn. Der Endpunkt Carlsfeld ist eine freie Fläche und fungiert momentan als Buswendeplatz. An den Bahnbetrieb erinnern das Empfangsgebäude sowie der Lokschuppen. Letzterer wird durch den FHWE saniert. Die Stadt Eibenstock plant für 2003, die Neugestaltung des Bahnhofsgeländes. Im Zuge dieser Baumaßnahmen sollen einige Bahnhofsgleise verlegt werden.

Holger Drosdeck


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