Stillgelegte Nebenbahnen heute (Teil VII)

Zwönitz – Scheibenberg

Die sogenannte “Obererzgebirgische Aussichtsbahn” begann im Bahnhof Zwönitz an der Chemnitz-Aue-Adorfer Eisenbahn (CA-Linie) und erschloß räumlich das Gebiet zwischen der CA, der Buchholz-Schwarzenberger Eisenbahn (BSg) sowie dem Thumer Schmalspurnetz. Eröffnet am 30. April 1900, hielt sich der durchgehende Betrieb auf dieser Regelspurstrecke nur bis 20. August 1947, denn die Bahn gehörte zu den Reparationsleistungen nach dem Zweiten Weltkrieg an die Sowjetunion. Lediglich das Teilstück Elterlein – Scheibenberg wurde endgültig erst am 24. September 1966 stillgelegt.

Die ZS-Linie zählte zu den viaduktreichsten Bahnlinien Sachsens: Ganze sieben große Gerüstpfeilerviadukte auf 26,3 km Länge ermöglichten ihre Trassierung als Höhenbahn. Kursbuchmäßig wurde die ZS als KBS Stollberg – Zwönitz – Schlettau geführt. In Zwönitz existieren noch heute die Gleisanlagen auf der Stollberg/Scheibenberger Bahnhofsseite. Auch einige hundert Meter Streckengleis sind noch vorhanden, da sie bis etwa 1990 als Anschlußgleis für die Betriebe “Kisten Walter” und das Umspannwerk Zwönitz genutzt wurden. Im folgenden ist die Trasse zirka vier km als Wanderweg nutzbar, zuerst über freies Feld führend, anschließend durch dichten Wald. Schon hier stellt sich dem Beobachter die landschaftliche Einmaligkeit der früheren Bahnlinie dar, ist doch die Trassenführung als Höhen- und nicht als Talbahn für das Erzgebirge eher selten.

Im Wald zwischen Zwönitz und Bernsbach steht am Streckenkilometer 4,04 das letzte erhaltene Viadukt der Strecke, die Fuchsbrunnbrücke. Im weiteren Verlauf ist der Bahndamm bis Scheibenberg nahezu ausnahmslos erkennbar. Entweder kann man ihn begehen, oder dichter Baumbewuchs zwingt den Wanderer neben die Trasse. Vor Bernsbach stand bis 1977 der Kuttenbachviadukt. Von ihm sind heute nur noch die Widerlager erkennbar. Im ehemaligen Bahnhof des Ortes zeugen das Empfangsgebäude sowie einige Nebengebäude vom Eisenbahnzeitalter. Ebenso ist der Schriftzug “Bernsbach” noch lesbar.

Die gleichen Verhältnisse sind in Beierfeld anzutreffen. Allerdings ziert hier zusätzlich ein Supermarkt das Gelände. An der Bahnhofszufahrt wird in diesen Wochen die ehemalige Werklok 1 des Foron-Werkes Schwarzenberg, eine N3, Baujahr 1952, (zuletzt im Schmalspurbahnmuseum Rittersgrün), als Erinnerung an die Eisenbahn aufgestellt, denn in Beierfeld war früher die Rangierdiesellok der Strecke beheimatet. Noch vor Bernsbach erinnern die Fundamente der vormaligen Güterseilbahn der Frankonia AG an die Güterverladestelle, die hier zwischen 1918 und 1934 existierte. Der Einschnitt zwischen Beierfeld und Grünhain ist zwecks landwirtschaftlicher Nutzung zugeschüttet und deshalb nicht mehr erkennbar.

Vor Grünhain findet man die Widerlager einer kleinen Wegüberführung sowie des hiesigen Viaduktes über die obere Stadt. Dieses Viadukt wurde aufgrund seiner komplizierten Lage erst 1981 als bisher letzte der großen Brücken der ZS-Linie demontiert. Im hiesigen Bahnhof stehen noch sämtliche Hochbauten. Wenige Meter hinter Grünhain gähnt seit 1977 Leere über dem Tal, wo einst der Göckeritztalviadukt stand. Anschließend ist der Bahndamm wieder sehr gut begehbar. Vor und nach dem folgenden Flösselviadukt liegen immer noch die Schutzschienen. Der Bahnhof Elterlein läßt durch seine Hochbauten seine Vergangenheit erkennen und wird heute zum Teil zur Lagerung von Baustoffen genutzt.

Zwischen Elterlein und Scheibenberg ist die Bahntrasse abermals sehr gut als Wanderweg begehbar. Der erste Viadukt hinter Elterlein war die Schwimmbad- oder auch Raumbachbrücke, gesprengt im Februar 1972. Auch die Lage dieses Bauwerkes ist problemlos anhand der alten Brückenwiderlager bzw. Zwischenpfeilerfundamente auszumachen. Einige Meter direkt neben der vormaligen Schwimmbadbrücke steht seit 2000 eine Straßenbrücke der Elterleiner Ortsumgehung, von der die Lage der Bahnbrücke gut einsehbar ist. Während die Eisenbahn die Reisenden früher mit maximal 40 km/h über das Bauwerk beförderte, ist die heutige Straßenbrücke mit 100 km/h befahrbar. Noch vorm Haltepunkt Herrmannsdorf überquerte die Bahn den letzten Viadukt, die Langklotzbrücke. Von ihr stehen auch heute noch die Widerlager und sämtliche rechten Mittelpfeilerfundamente. Alle linken wurden hingegen beseitigt.

Durch dichten Wald führend, erreichte die Bahntrasse einige km weiter die BSg-Linie. Von hier an gab es eine ca. 1,2 km lange Parallelführung beider Strecken. Im Oktober 1993 lag auf diesem Abschnitt das Gleis der ZS noch. Zwischenzeitlich wurde es jedoch demontiert. Der Bahnhof Scheibenberg verfügt heute über keine einzige betriebsfähige Weiche mehr. Seit Mai 2002 wird der Bahnhof wieder von Bauzügen auf der BSg durchfahren, die der Sanierung der Zschopautalbahn dienen.

Holger Drosdeck


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