Stillgelegte Nebenbahnen heute (Teil VIII)

Weißeritztalbahn

Freital-Hainsberg – Kurort Kipsdorf und Verbindungsgleis Freital-Potschappel – Freital-Hainsberg

Aufgrund der aktuellen Lage der Weißeritztalbahn wird im Rahmen der Serie „Stillgelegte Nebenbahnen heute“ in diesem Heft ausnahmsweise eine (hoffentlich) nur vorübergehend eingestellte sächsische Bahnlinie behandelt, die Strecke Freital-Hainsberg – Kurort Kipsdorf.

Wie gestaltet sich die derzeitige Situation auf der HK-Linie, Sachsens dienstältester Schmalspurbahn?

Am Montag, dem 12. August 2002, verkehrte aufgrund des Hochwassers in Sachsen mit RB 27828 um 13 Uhr ab Freital-Hainsberg der vorerst letzte Personenzug auf der Weißeritztalbahn, gezogen von der Einheitslok 99 1741-0. Der Zug kam jedoch nur bis kurz vor Dippoldiswalde, wurde bis Malter zurück gedrückt und mußte von dort nach Freital zurückkehren. Er schaffte es gerade noch vor der Flut bis zum Ausgangsbahnhof zurück. Der vorhergehende Zug RB 27826 mit 99 1747-7, 11 Uhr ab Freital-Hainsberg, schaffte es ebenfalls nicht mehr bis Kipsdorf, sondern mußte in Schmiedeberg umdrehen und wurde anschließend in Dippoldiswalde abgestellt. An jenem Montag sowie an den darauffolgenden zwei Tagen zerstörte das Hochwasser der Roten Weißeritz weite Teile der Gleisanlagen dieser Schmalspurstrecke.

Die mehrere Tage lang anhaltenden starken Regenfälle im Erzgebirge ließen den Wasserpegel des sonst ruhigen Flusses derart ansteigen, daß er weit über seine Ufer trat. In der Folge richteten die Wassermassen große Zerstörungen an, auch an der Weißeritztalbahn. Nach dem Abfließen des Hochwassers wurde ab Donnerstag, dem 15. August 2002, schrittweise das Ergebnis dieser „Jahrhundertflut“ sichtbar. Für die Weißeritztalbahn galt per Samstag, dem 17. August 2002, folgender Stand: Die Wagenwerkstatt in Freital-Potschappel stand während des Hochwassers zwar unter Wasser, trug aber keine Schäden davon. Das Verbindungsgleis von Freital-Potschappel nach Freital-Hainsberg wurde vom Hochwasser ebenfalls nicht in Mitleidenschaft gezogen, so auch der Bahnhof Freital-Hainsberg.

In Richtung Freital-Coßmannsdorf blieb die Strecke nur wenige hundert Meter befahrbar, danach wurde der Bahndamm in weiten Teilen unterspült und das Gleis aus seiner Lage geschwemmt. Dieses lag dort nicht mehr im, sondern auf dem zerspülten Schotterbett und ist verwunden. Die Halbschrankenanlage in Coßmannsdorf ist komplett zerstört. Ab hier ist das Gleis ebenfalls unterspült und nicht mehr befahrbar. Ab dem Eintritt des Streckengleises in den Rabenauer Grund liegt dieses nur noch an wenigen Stellen auf dem Bahndamm, befahrbar ist es von Coßmannsdorf bis Spechtritz nicht mehr. Grund hierfür ist, daß die Wassermassen den Bahndamm auf diesem Streckenabschnitt fast ausnahmslos weggerissen haben. Der Bahnkörper existiert dort also nicht mehr, das Gleis liegt zumeist auf dem „neuen“ Boden oder hängt in der Luft – auf zirka vier Kilometern Streckenlänge.

Glücklicherweise wurden die Bahnbrücken größtenteils nicht in Mitleidenschaft gezogen. „Lediglich“ die Natursteinbrücke am km 3,2 HK büßte durch die Fluten ihren Mittelpfeiler ein. Von Spechtritz bis Dippoldiswalde ist die Bahnstrecke in weiten Teilen unbeschädigt, im Vergleich zum Rabenauer Grund gibt es hier lediglich kleine Unterspülungen des Gleisbettes. Zwischen Dippoldiswalde und Kipsdorf sind wiederum größere Schäden zu beklagen: Im Abschnitt ab dem Bahnübergang über die B 170 in der Ortslage Dippoldiswalde bis zum Haltepunkt Ulberndorf ist auf etwa 1 km Länge der Bahndamm beschädigt. Im weiteren Verlauf bis Schmiedeberg ist die Strecke befahrbar. Oberhalb von Schmiedeberg ist der Bahndamm an mehreren Stellen beschädigt. Die Brücke nach Buschmühle ist durch das Wasser aus ihrer Lage gedrückt worden.

Entlang der Geraden parallel zur B 170 nach Kipsdorf ist der komplette Bahndamm weggespült worden. Dort wo bisher das Gleis und die Bundesstraße lagen, hat sich die Rote Weißeritz ein neues Flußbett geschaffen. Auf dem Bahnhof Kipsdorf richteten die Wassermassen keine derartigen Zerstörungen an wie im Rabenauer Grund bzw. auf den letzten Kilometern vor Kipsdorf. Damit wurde jeglicher Zugverkehr auf der Weißeritztalbahn unmöglich. Zwar wurden durch das umsichtige Handeln der Betriebsleitung und der Eisenbahner keinerlei Fahrzeuge beschädigt. Dem vorbildlich gepflegten Fahrzeugpark der HK-Linie fehlt nun aber die befahrbare Strecke.

Wie wird es mit der Weißeritztalbahn weiter gehen?

Zunächst keimte unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Schäden die Befürchtung auf, die Deutsche Bahn AG als Eigentümer der Strecke sowie die Landespolitik könnten die massiven Zerstörungen zum Anlaß nehmen, die Schmalspurbahn im Tal der Roten Weißeritz für immer stillzulegen. Inzwischen hat sich aber eine breite Lobby für den Wiederaufbau der Strecke gebildet. Ihre Rückenstärkung erhält diese Lobby unter anderem durch den Betreiber der Strecke, die BRG-Servicegesellschaft Leipzig mbH. Auch die IG Weißeritztalbahn e. V. möchte einen Verlust „ihrer“ Strecke natürlich nicht hinnehmen. Inzwischen haben sich verschiedene Stellen der Landes- und Lokalpolitik eindeutig für den Wiederaufbau der Weißeritztalbahn positioniert, so unter anderem die Vizepräsidentin des Sächsischen Landtages Frau Dombois, Landrat Herr Greif sowie die Bürgermeister der Städte Freital, Rabenau und Dippoldiswalde.

Es bestehen berechtigte Hoffnungen, daß auf der Strecke am 12. August nicht der letzte Zug gefahren ist. Wenn vom Wiederaufbau die Rede ist, muß eines allerdings auch klar sein: Auf mehreren Kilometern wird dieser einem Neubau der Bahntrasse gleichkommen, der die Bewegung Tausender Kubikmeter Erdmassen und die Neuerrichtung mehrerer Stützmauern mit sich bringt. Ein Wiederaufbau der Bahn wird effektiv nur „im großen Stil“ mit schwerer Technik erfolgen können. Jedoch dürfte außer Frage stehen, daß dieser Wiederaufbau unbestreitbar gerechtfertigt ist und im Interesse aller stattfinden muß.

Was hebt die Weißeritztalbahn von anderen täglich betriebenen Schmalspurbahnen positiv ab?

Egal, ob man den Sachverhalt aus dem Blickwinkel von Eisenbahnfreunden, Touristen, der Eisenbahner oder mit den Augen eines Historikers sieht: Die Weiterexistenz der Weißeritztalbahn macht aus vielerlei Sicht Sinn. Die Strecke Hainsberg – Kipsdorf ist auch im Jahr 2002 eine „kleine Reichsbahn-Oase“ im Hightechzeitalter auf der Schiene – und das im täglichen Betrieb. Das Engagement der Betriebsleitung und Eisenbahner zahlt sich sichtbar in einer besonders hohen Attraktivität der Strecke aus. Schon in Freital-Hainsberg erblickt der Reisende einen Museumszug (mit 99 1790-7), den die Beschäftigten der Bahn zum großen Teil in Eigenleistung hergerichtet haben.

Die täglichen Züge verkehrten auf der Hainsberger Schiene bis zum Schluß mit top gepflegten Fahrzeugen. Auf dem Lokomotiv- wie auch auf dem Wagensektor kann jeder Besucher auf den ersten Blick erkennen, daß die Beschäftigten der Bahn in ihrem Beruf nicht nur irgendeinen Job sehen, sondern daß man hier einen Blick fürs Detail, für Traditionspflege, historische Korrektheit und somit für ein Stück Alltagskultur vergangener Tage hat. Sämtliche Loks der Weißeritztalbahn wurden 1999/2000 wieder mit Reichsbahn-EDV-Schildern versehen. Die meisten der Triebfahrzeuge erhielten auch wieder das Eigentumsmerkmal „Deutsche Reichsbahn“. Selbiges trifft für viele Wagen zu, die im Rahmen von Aufarbeitungen ihr reichsbahntypisches Aussehen zurückerhielten.

Die Ausrüstung einiger Lokomotiven mit Details, die die Optik der Fahrzeuge wesentlich aufwerten, wie beispielsweise der zentrale Rauchkammerverschluß an den Loks 99 1734-5 und 99 1741-0 oder die originalen Reichsbahn-Loklaternen unterstreichen das Bestreben nach einem hervorragenden Erscheinungsbild der Weißeritztalbahn. Dieser nicht zu unterschätzende Wille zu möglichst guter Arbeit – unter den Bedingungen des täglichen Betriebes – soll an dieser Stelle einmal bewußt unterstrichen werden. Denn nicht jede Betreibergesellschaft einer täglich verkehrenden 750-mm-Schmalspurbahn hat den Blick für derartige Dinge. Andernorts fahren die Züge mittlerweile in recht bunten Farbkonzepten durch die Landschaft. Ihren öffentlichen Auftrag zur Wahrung von Technikgeschichte nehmen einige schmalspurbahnbetreibende Eisenbahnunternehmen in keinster Weise wahr. Im Weißeritztal ist dies seit Betriebsübernahme der Bahn durch die BRG-S zum Glück anders.

Doch auch für den „normalen“ Touristen, den historische Korrektheit nicht vordergründig interessiert, hatte die Weißeritztalbahn stets viel zu bieten. Als einzige noch täglich betriebene Schmalspurstrecke hat sie im Rabenauer Grund die typische Trassierung als Taleisenbahn des Erzgebirges aufzuweisen. Auch die landschaftliche Schönheit der Strecke insbesondere in diesem Bereich ließ die Züge hier zumeist gut gefüllt sein. Viele junge Eisenbahnfreunde können ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, die Freundin für das Thema Schmalspurbahn zu begeistern. Hier konnte die Weißeritztalbahn schon oftmals Bindeglied zwischen unterschiedlichen Interessenlagen sein: Der rund halbstündigen Bahnfahrt durch den wildromantischen Rabenauer Grund folgte ein ausgiebiger Bade- und Sonn-Tag an der Talsperre Malter.

Wohlgestimmt durch einen Eisbecher vor der Rückfahrt mit dem Dampfzug ließ sich die Anvertraute beim nächsten Mal viel leichter für das nächste Eisenbahnabenteuer begeistern... Unbestritten profitiert also auch die Tourismuswirtschaft der Region vom Betrieb der Schmalspurbahn. Doch bei allem Freizeitwert der Weißeritztalbahn darf deren geschichtlicher Aspekt nicht vergessen werden: 1882 bis Schmiedeberg eröffnet, ist die Strecke Freital-Hainsberg – Kurort Kipsdorf heute die dienstälteste und gleichzeitig die zweitälteste Schmalspurbahn Sachsens überhaupt.

Der Erfolg der schmalen Spur auch im Weißeritztal war gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Auslöser für den Bau vieler weiterer Schmalspurbahnen im Freistaat und hat damit Beispielcharakter. In Verbindung mit den genannten anderen Vorteilen der HK-Linie macht es im Weißeritztal gesamtwirtschaftlich gesehen wirklich Sinn, ein lebendiges technisches Denkmal im täglichen Betrieb zu erhalten. Da hinter dieser Aussage strategische Überlegungen stehen, darf eine unberechenbare Größe wie ein Hochwasser die Existenz der Strecke nicht gefährden – und seien die Zerstörungen noch so stark.

Was geschah bisher für die Wiederinbetriebnahme der Strecke?

In Folge des Hochwassers sind die Lokpersonale seit August mit ersten Aufräumungsarbeiten beschäftigt, die in erster Linie der Erfüllung der Verkehrssicherungspflicht dienen. So wurden an bestimmten Stellen Absperrungen errichtet, damit niemand in zum Teil tiefe Löcher im Gleisbereich fallen kann. Bei der IG Weißeritztalbahn e. V. können sich inzwischen Interessenten für Arbeitseinsätze zur Wiederherstellung der Strecke melden. Bisher fanden vier derartige Einsätze statt, dabei trafen sich jeweils sonnabends etwas 30 bis 50 Eisenbahnfreunde zum Reinigen des Gleisbettes und zum Stopfen neu aufgetragenen Schotters. Der Eigentümer der Bahnanlagen, die DB Netz AG, hat allerdings noch keine Bauarbeiten am Gleis im eigentlichen Sinne zugelassen, sondern nur die erwähnten Aktivitäten für die Verkehrssicherungspflicht an den Tag gelegt.

Zum Teil war der Rabenauer Grund auch durch die Polizei abgesperrt, da der Forst und die Bundeswehr mit Aufräumungsarbeiten im Tal beschäftigt waren. Seit 22. August finden wieder drei mal pro Woche zwischen Freital-Potschappel und Freital-Hainsberg Übergabefahrten statt. Außerdem ist die Strecke in Richtung Kipsdorf bereits wieder auf einem reichlichen Kilometer befahrbar. Im Rahmen der Aufräumungsarbeiten befuhr 99 1762-6 am 22. August erstmals wieder diesen Streckenabschnitt. Zum Tag des offenen Denkmals am 8. September fand der erste öffentliche Personenverkehr zwischen Freital-Potschappel und Freital-Hainsberg nach dem Hochwasser statt.

Die DB AG veröffentlichte Ende August in einer Pressemitteilung, daß alle durch das Hochwasser zerstörten Eisenbahnen in Sachsen wieder aufgebaut werden. Im Zuge dieser Mitteilung wurde auch die Weißeritztalbahn als Kandidatin für den Wiederaufbau genannt. Nach den Vorstellungen der BRG und der IG Weißeritztalbahn e. V. soll als erstes der Betrieb zwischen Seifersdorf und Dippoldiswalde wieder aufgenommen werden, da die Zerstörungen hier am geringsten sind. In einem zweiten Schritt kann dieser Verkehr bis Schmiedeberg ausgedehnt werden, erst danach könnten die restlichen Streckenabschnitte folgen.

Vorerst kaum Auswirkungen hat das Hochwasser auf die Fertigstellung der in Aufarbeitung befindlichen Fahrzeuge. IV K 99 1564-6 wurde in Meiningen weiter aufgearbeitet. Die seit 12. August in Meiningen befindliche VI K 99 715 erhält ebenfalls eine Hauptuntersuchung. Mit der Wiederinbetriebnahme der Lok ist im Frühjahr 2003 zu rechnen. Die Einheitslok 99 1761-8 erhält im Rahmen ihrer Aufarbeitung einen neuen Kessel, welcher schon 2001 in Auftrag gegeben wurde. Die Lok wird noch Ende dieses Jahres in Freital zurück erwartet.

Mit 99 1777-4 weilt eine weitere Freitaler Lok in Thüringen. Sie wird nach ihrer Fertigstellung jedoch nicht mehr auf die Hainsberger Schiene zurückkehren, sondern ihre neue Heimat in Radebeul finden und den dortigen Park an druckluftgebremsten Fahrzeugen bereichern. Momentan ist 99 1793-1 die einzige druck-luftgebremste Lok in Radebeul, da sich 99 1789-9 aufgrund von Radreifenproblemen im Rahmen der Garantieleistungen ebenfalls in Meinigen befindet. Aktuelle Informationen zum Stand der Schmalspurbahn Freital-Hainsberg – Kurort Kipsdorf sind stets im Internet unter den Adresssen www.weisseritztalbahn.de, www.bimmelbahn.desowie im Schmalspurbahnforum unter www.schmalspurbahn-forum.de einsehbar.

Für den Wiederaufbau der Strecke hat die IG Weißeritztalbahn e. V. ein Spendenkonto eingerichtet. Freundlich zugedachte Unterstützungen können unter dem Kennwort „Wiederaufbau Weißeritztalbahn“ auf das

Konto 30 64 00 08 36,
BLZ 850 503 00 bei der
Sparkasse Freital-Pirna


eingezahlt werden. Spender, die bei der Überweisung ihre vollständige Adresse angeben, erhalten wie immer eine amtliche Spendenbescheinigung zur Vorlage beim Finanzamt.

Interessenten für eventuelle Arbeitseinsätze an der HK-Linie können sich per E-Mail unter der Adresse: ralf.kempe@weisseritztalbahn.de vormerken lassen. Auch der PK wird seine Leser in den kommenden Ausgaben zum weiteren Geschehen im Weißeritztal auf dem Laufenden halten. Hoffen wir, daß möglichst bald wieder der erste Zug über Sachsens dienstälteste Schmalspurbahn dampfen kann.

Holger Drosdeck


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