Hochwasser im Erzgebirge

Seit die Eisenbahn 1858 in das Westerzgebirge vorgedrungen ist, hat sie mit Witterungsunbilden und Hochwassern von Zwickauer Mulde und Schwarzwasser zu kämpfen. Die alten Handelswege des Mittelalters betraf dies weniger, denn diese führten, wie die Salzstraße von Zwickau über Hartenstein, Lößnitz und Schlettau nach Böhmen, über die Höhenzüge des Westerzgebirges und mieden die oft sumpfigen Flußtäler.

Der Eisenbahn blieb jedoch zunächst keine andere Möglichkeit, als auf Grund der zulässigen Steigungsverhältnisse entlang der Flußtäler ins Westerzgebirge vorzudringen. Die engen Flußtäler ließen dabei meist kaum Platz für Fluß, Eisenbahn und eine Chaussee. Gleichzeitig sorgen die großen Einzugsgebiete von Schwarzwasser und Zwickauer Mulde, die bis hinüber ins Vogtland reichen, für einen erheblichen Wasseranfall nach oft nur kurzen, dafür aber um so heftigeren Regenfällen.

In der Regel sind es die sogenannten 5-B-Wetterlagen, bei denen ein Tiefdruckgebiet über dem warmen Mittelmehr feuchte Luft aufnimmt und nach Mitteleuropa transportiert. Diese regnet sich dann beim Zusammentreffen mit kalter Luft über den Kämmen des Erzgebirges ab. Die Flutkatastrophe vom August 2002 hatte dabei schon zahlreiche Vorgänger.

Hochwasser 1858

Bereits wenige Wochen nach der Betriebsaufnahme am 15. Mai 1858 mußte die obererzgebirgische Eisenbahn von Zwickau nach Schwarzenberg ihren Betrieb wegen Hochwasserschäden einstellen. Nach verheerenden Regenfällen am 31. Juli 1858 wurde die Strecke in weiten Abschnitten unterspült, unzerstört blieb lediglich der Abschnitt zwischen Schwarzenberg und Stein.

Das Zwickauer Wochenblatt vermeldete hierüber in Ausgabe 176:
Zwickau, den 3. August:
"Wie wir hören, ist der Schaden, den das Wasser an der Schwarzenberger Bahn verursacht hat, kein so außerordentlicher, wie Gerüchte darüber im Umlauf sind, er erstreckt sich natürlich auf die Dämme, die Brücken über die Mulde und das Schwarzwasser, die kleineren Brücken dagegen sind sämtlich unverletzt. Die durchbrochenen und beschädigten Dämme befinden sich In Bockwa in der Länge von ca. 700, am Haarhang von ca. 500, vor der ersten Muldenbrücke am Wildpark von ca. 70, an der Primenhöhle von 350, zwischen Prinzenhöhle und Schlema von ca. 700 und in Aue, wo sich das Schwarzwasser ein neues Bett gegraben hat, von ca. 120 Ellen. Da die Ausbesserung sofort und noch heute in Angriff genommen weiden wird, so wird auch die Bahn hoffentlich bald wieder befahren werden können."

Die Bauarbeiten zogen sich allerdings noch hin. Erst am 5. Oktober verkehrte wieder ein durchgehender Güterzug, wobei die Lok bei Fährbrücke eine Brücke noch nicht passieren durfte, man folglich zum Rangieren genötigt war. Der vollständige Verkehr wurde am 24. Oktober 1858 wieder aufgenommen. Der an den Bahnanlagen angerichtete Schaden belief steh immerhin auf 360 000 Mark, ca. fünf Prozent der gesamten Baukosten.

Hochwasser 1890

Nach einem heftigen Gewitterregen in der Nacht vom 7. zum 8. August 1890 schwoll das Schwarzwasser in kurzer Zeit stark an. Mitgeschwemmte Hölzer zerstörten dabei in Eriabrunn eine Eisenbahnbrücke, der durchgehende Verkehr zwischen Schwarzenberg und Johanngeorgenstadt war unterbrochen. Bei der Wiederaufnahme am 10. August mußte bei Eriabrunn allerdings noch umgestiegen werden.

Hochwasser 1897

Nach ergiebigen Regenfällen wurde am 2. August 1897 der Zugverkehr zwischen Zwickau und Johanngeorgenstadt unterbrochen. Graubraune Wassermassen wälzten sich aus dem Kammgebiet des oberen Erzgebirges zu Tal, Schwarzwasser und Zwickauer Mulde traten über die Ufer. Die Trassierung der Bahnlinie zwischen Schwarzenberg und Johanngeorgenstadt nur wenige Meter über dem Schwarzwasser führte zu erheblichen Beschädigungen an Brücken und Uferbefestigungen. Auch zwischen Schwarzenberg und Aue wurde der Bahndamm unterspült.

Hochwasser 1931

Am späten Nachmittag des 6. Juli 1931 ging, von heftigen Gewittern mit kugelblitzartigen Entladungen begleitet, im Kammgebiet des Erzgebirges ein Wolkenbruch nieder. Bereits kurze Zeit danach wälzten sich die Wassermassen durch den Lehmergrund auf Unterjugel und Wittigsthal zu. Fabriksirenen und Sturmgeläut der Kirche gaben Großalarm. Die Flut riß Pflastersteine aus der Straße, die Stromversorgung wurde unterbrochen, Masten weggespült. Am Haltepunkt Erlabrunn standen die Gasträume des Restaurants "Täumerhaus" über einen Meter unter Wasser.

Zwischen Breitenhof und dem Bahnhof Antonsthai wurde der unmittelbar in Flußnähe verlaufende Bahndamm auf ca. 80 Metern weggespült. In Erla war die Eisenbahnbrücke über das Schwarzwasser von den angeschwemmten Holzvorräten der Sägewerke und Papierfabriken überflutet. In Schwarzenberg hatte man den gegen 18.45 Uhr verkehrenden Personenzug nach Johanngeorgenstadt noch abfahren lassen. Bereits zwei Kilometer später, am (alten) Haltepunkt, mußte der Zug gestellt werden. Die Flutwelle hatte bereits die Vorstadt von Schwarzenberg erreicht. Die Reisenden verließen in panischer Angst den Zug und flüchteten sich auf höher gelegenes Gelände, einige harrten in den Abteilwagen auf die Rettung durch die Feuerwehr. Die schlimmsten Verwüstungen in Schwarzenberg gab es am Bad Ottenstein, wo das Schwarzwasser in einer scharfen Biegung um den Schloßberg herumführte.

Der Wiederaufbau der zerstörten Uferbefestigung zwischen Breitenhof und Antonsthai begann durch die Firma Weißflog & Sohn aus Aue am 1. August 1931 bei schönstem Wetter. Zunächst wurde ein Fangdamm im Bett des Schwarzwassers errichtet, um Baufreiheit für die neue Uferbefestigung zu erlangen. Wegen der Dringlichkeit der Arbeiten wurde vom Reichsbahnoberrat Zetzsche am 4. August angeordnet, die Arbeiten in zwei Schichten ausführen zu lassen, gearbeitet wurde auch am Sonntag, wenn auch nur einschichtig.

Bereits am 20. August war die Stützmauer bis auf 3,0 m über dem Gründungsmauerwerk fertiggestellt, die nun zu hinterfüllen war. Zum Baustorrtransport wurde hierzu ein Fördergleis verlegt. Am 29. August war die Mauer fertiggestellt, am gleichen Tage begannen die Oberbauarbeiten. Bereits am darauffolgenden Tag wurde das Gleis verlegt, die erste Belastung mit einem Arbeitszug am 31. August durchgeführt. Am 2. September 1931 konnte der Zugbetrieb zwischen Antonsthai und Breitenhof wieder aufgenommen werden.

Vermutlich infolge Tauwetter schwoll die Zwickauer Mulde am 4. Januar 1932 stark an. Die Kraft der Wassermassen führte in Cainsdorf bei Zwickau zu erheblichen Dammunterspülungen, das Richtung Zwickau führende Gleis rutschte in die ungebändigte Mulde ab. Die Strecke mußte zwischen Zwickau und Wilkau-Haßlau gesperrt werden. Zwischen Zwickau und Wilkau-Haßlau wurde Schienenersatzverkehr eingerichtet. Auch zwischen Antonsthai und Johanngeorgenstadt ruhte der Verkehr zeitweise.

Hochwasser 1954

Nach ergiebigen Regengüssen seit dem 9. Juli 1954 trat die Zwickauer Mulde auf der gesamten Länge über die Ufer. Die Freie Presse, meldete am 15. Juli 1954 zu den Hochwasserschäden:
"Der Verkehr auf der Bahnstrecke Schwarzenberg - Johanngeorgenstadt wurde eingleisig aufrechterhalten. In Erta erreichte das Hochwasser auf dem rechten Bahnkörper eine Höhe von ca. 20 cm."

Teile des Güterbahnhofes in Aue wurden durch das Hochwasser ebenfalls überschwemmt. Zwischen Zwickau und Wilkau-Haßlau mußte wiederholt Schienenersatzverkehr eingerichtet werden. Am Schlimmsten traf es jedoch die Zwickauer Innenstadt, die nach einem Dammbruch der Mulde komplett überflutet wurde.

Längere Zeit blieb nun das Westerzgebirge von verheerenden Hochwässem verschont. Die ab 1977 gebaute Talsperre Eibenstock, deren Bau gleichzeitig das Ende der Eisenbahnverbindung Chemnitz - Adorf brachte, sorgte mit ihrer Rückhaltefunktion für einen wirksamen Hochwasserschutz. Bis Anfang der neunziger Jahre funktionierte dies (gut). Um den 1. September 1995 führte es allerdings dazu, daß die DB AG die ohnehin zur Schließung vorgesehene Zweigstrecke Aue - Blauenthal wegen Schäden an einer Stützmauer aus technischen Gründen schließen konnte. Merkwürdigerweise erfolgte dies aber drei Wochen nach den Regenfällen, am 22. September 1995!

Hochwasser 2002

Die Regenfälle vom 12./13. August 2002 konnte auch der Stauraum der Talsperre Eibenstock nicht mehr aufnehmen, gleichzeitig schoß eine Flutwelle aus dem Schwarzwassertal Richtung Norden. Am Nachmittag wurde der Eisenbahnbetrieb zwischen Aue und Johanngeorgenstadt vorsorglich eingestellt, zwischen Aue und Hartenstein bestand wegen Sanierungsarbeiten ohnehin Schienenersatzverkehr.

Mit dem Überlaufen der Talsperre Eibenstock in der Nacht vom 12. zum 13. August ergoß sich eine Flutwelle durch das enge Muldental in Richtung Zwickau. Neben den Schäden im Schwarzwassertal, die bereits im letzten PK beschrieben worden sind, wurde der Bahndamm zwischen Fährbrücke und Wiesenburg unterspült, so daß hier zeitweilig Schienenersatzverkehr eingerichtet werden mußte.
Seit 16. September 2002 verkehren inzwischen wieder Züge zwischen Aue und Johanngeorgenstadt.

Falk Thomas


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