Anläßlich der Wiederaufnahme des grenzüberschreitenden Verkehrs am 14. Dezember 2003 reichte Danilo Grund folgenden Beitrag ein:

Der Eisenbahngrenzübergang Bärenstein (Erzgeb) – Weipert

Ein Rückblick auf die vergangenen 10 Jahre
(Teil 1 und Teil 2)

Europa wächst zusammen! – Sachsen und Böhmen auch?“ stand auf dem Prospekt, welches am 1. August 1993 anläßlich der Wiedereröffnung des Eisenbahngrenzüberganges Bärenstein (Erzgeb) – Weipert (Vejprty) durch das Landratsamt Annaberg herausgegeben wurde.

Während Sachsen und Böhmen tatsächlich in vielerlei Hinsicht in den vergangenen zehn Jahren stark zusammengewachsen sind, wird Europa mit der EU-Osterweiterung zum 1. Mai dieses Jahres noch enger verschmelzen. Zu den Beitrittsländer zählt dabei auch die Tschechische Republik. Verkehrsexperten rechnen dadurch bereits mit einer Zunahme des Verkehrsaufkommens um bis zu 60 Prozent. Während, z. B. mit dem Neubau der Autobahn A 17 zwischen Dresden und Prag, seit Jahren perfekte Bedingungen für Kraftfahrzeuge geschaffen werden, soll im Folgenden anhand des Grenzüberganges Bärenstein – Weipert gezeigt werden, wie bestehende Kapazitäten auf dem Schienenweg genutzt werden könnten, genutzt werden oder eben gerade nicht genutzt werden.

Die geschichtliche Entwicklung

Das Erzgebirge, das häufig zu einer der ärmsten Regionen Europas zählte, bildet das Bindeglied und zugleich Trennungslinie zwischen den sächsischen Industriegebieten Chemnitz und Zwickau und dem böhmischen Egertal zwischen Komotau (Chomutov) und Karlsbad (Karlovy Vary). Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Erzgebirge auf einer Länge von 40 km von vier Eisenbahnstrecken überquert, davon dreimal in jeweils über 800 Metern Höhe über NN, wobei die Eisenbahnstrecken bis zu 600 Meter Höhenunterschied zu bewältigen hatten. Die Eisenbahnverbindung über Bärenstein/Weipert ist dabei die älteste Verbindungsbahn.

Die Stadt Annaberg hatte bereits im Jahre 1866 mit der Linie nach Chemnitz Anschluß an das Eisenbahnnetz erhalten. Schon kurz danach gab es Überlegungen, die Strecke bis nach Böhmen zu verlängern. Die Baukonzession für die 18,82 km lange Strecke Annaberg – Bärenstein Grenze erhielt die Gesellschaft „Sächsisch-Böhmische Verbindungsbahn Annaberg – Weipert“. Auf böhmischer Seite erfolgten der Bau und spätere Betrieb durch die Buschtehrader Eisenbahngesellschaft. Der geplante Eröffnungstermin 1. Juli 1871 konnte durch einen starken Winter und den deutsch-französischen Krieg 1870/71 nicht gehalten werden. Auf böhmischer Seite erfolgte die Betriebseröffnung am 12. Mai 1872, ab dem 3. August 1872 rollten die Züge durchgängig zwischen Annaberg und Weipert. Doch bereits reichlich drei Jahre später verlor die Strecke mit Eröffnung des Eisenbahngrenzübergangs Reitzenhain am 23. August 1875 an Bedeutung, da nun die Kohlezüge aus dem böhmischen Becken von Komotau in Richtung Chemnitz die rund 25 km kürzere Strecke über Reitzenhain/Marienberg nutzen konnten.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mußte am 28. Mai 1945 der Reiseverkehrs über den Grenzübergang Bärenstein/Weipert eingestellt werden. In den folgenden Jahren kam es nur zu vereinzelten Fahrten. So halfen deutsche Eisenbahner in harten Wintern mit einer von zwei Maschinen der Baureihe 86 geschobenen Dampfschneeschleuder, später mit der Hochleistungsschneeschleuder der DR, geschoben von einer Maschine der Baureihe 110.9, ihren Kollegen bei der Freihaltung der Strecke in Richtung Komotau. Diese 58 km lange Strecke war oft von starken Schneeverwehungen betroffen, liegt sie doch auf dem Hochplateau des Erzgebirges und hat ihren höchsten Punkt nahe dem Bahnhof Schmiedeberg (Kovarska) bei ca. 870 Metern über NN. Ende der achtziger Jahre gab es mehrere Kontrollfahrten mit einer Maschine der Baureihe 110 und einem Wagen der Gattung Bghw bis in den Bahnhof Weipert.

Der Neubeginn nach dem Ende der DDR

Nach der politischen Wende in der DDR 1989 und der Vereinigung Deutschlands wurden auch Stimmen laut, die eine Wiederaufnahme alter Verkehrsverbindungen in Richtung Osten forderten.

So stand als erster Eröffnungstermin bereits der 1. Juni 1991 fest. Dieser konnte allerdings nicht gehalten werden. Jedoch gab es mit der Überführung zweier tschechischer Eisenbahnfahrzeuge nach Annaberg anläßlich des 125jährigen Bestehens der Eisenbahnstrecke Annaberg - Flöha am 6. Juli 1991 einen weiteren Lichtblick. Den neuerlichen Eröffnungstermin setzte man auf den 4. Juli 1992 fest, knüpfte ihn jedoch an die Bedingung, daß bis dahin die Finanzierung der Sanierung der Grenzbrücke zwischen Bärenstein und Weipert gesichert sein müßte.

Die 65 Meter lange und 20 Meter hohe Brücke mit Stahlgitterüberbauten über das Pöhlbachtal stellte im Prozeß der Wiedereröffnung seit jeher das technisch größte Problem dar. Die beiden Grenzbahnhöfe lagen lediglich 900 Meter auseinander, deren Einfahrtsweichen nur ganze 200 Meter. Die Brücke steht im Eigentum der Tschechischen Bahn (CD) und durfte aufgrund ihrer Tragfähigkeit mit nur maximal 10 km/h und höchstens 5,5 Mp Meter- und 15 t Achslast befahren werden. Für die damals notwendige Sanierung des Brückenunterbaus wurden im Mai 1992 durch das sächsische Wirtschaftsministerium 250 000 DM zur Verfügung gestellt. Für die deutsche Seite völlig überraschend, kam am 19. Juni 1992 durch das tschechische Innenministerium eine Absage zur geplanten Wiedereröffnung. Diese wurde damit begründet, daß aus finanziellen Gründen bis Ende 1992 keiner Öffnung weiterer Eisenbahngrenzübergänge zugestimmt werden könnte.

Mit der Neufassung des Raumordnungsgesetzes am 28. April 1993 gab es erneut Forderungen zu einer Strukturverbesserung im Verkehrsbereich. Am 1. August 1993 sollte es endlich soweit sein. Die Diesellok 219 025 beförderte den aus sechs Wagen bestehenden Eröffnungszug von Chemnitz nach Weipert. An der offiziellen Eröffnungsfeier im Bahnhof Bärenstein nahmen mehr als 1000 Menschen teil. Hans-Jürgen Lücking, damaliger Präsident der Reichsbahndirektion Dresden, erteilte dem Sonderzug im Bahnhof Bärenstein persönlich das Abfahrtsignal. Im Bahnhof Weipert gab es ein Bahnhofsfest und die beiden tschechischen Triebwagen 830 148 und M 131.1405 pendelten zwischen den beiden Grenzbahnhöfen.

Der Verkehr war vorerst als Probebetrieb bis zum 25. September 1993 befristet. In dieser Zeit passierten bei täglich vier Zugpaaren 1831 Reisende die Grenze in Richtung Weipert, 1264 in die Gegenrichtung. Der Probebetrieb wurde danach nochmals bis zum 28. Mai 1994 verlängert, und erst am 1. Oktober 1994 erfolgte durch das Bundesverkehrsministerium die Genehmigung zur Aufnahme des Regelbetriebes. Die Zahl der Reisenden pendelte sich danach auf ca. 10 000 im Jahr ein. Bis zum Fahrplanwechsel am 28. Mai 1994 gab es auch noch Zugpaare, die im sächsischen Bahnhof Bärenstein endeten. Erst danach wurden alle Züge bis nach Weipert durchgebunden. Jedoch bereits im Mai 1995 wurde das mittägliche Zugpaar, welches nur von und bis Annaberg verkehrte, gestrichen. Ab Juni 1996 gab es noch täglich vier Zugpaare, davon ein Eilzugpaar, das Chemnitz nach etwa zwei Stunden Fahrzeit erreichte.

Nach der Wiederaufnahme des regulären Grenzverkehrs zwischen (Flöha – Annaberg –) Bärenstein und Weipert (1994 – siehe Teil 1 im PK 76) oblag die Zugförderung den Maschinen der Baureihe 201/202 (V 100). Im Januar 1994 kamen jedoch aufgrund Lokmangels sogar Maschinen der Baureihe 228 (V 180) aus Chemnitz zum Einsatz. Dies dürften die letzten internationalen Reisezugleistungen dieser Baureihe gewesen sein. Wegen der geringen Tragfähigkeit der alten Grenzbrücke blieb der Einsatz von Loks der Baureihe 219 zu Personalschulungsfahrten im Herbst 1993 ein kurzes Gastspiel. Am 4. Februar 1995 absolvierte 628 611 eine Präsentationsfahrt und läutete damit die Triebwagenära ein.

Einer geplanten Reaktivierung des Güterverkehrs, um den Straßenverkehr der Region zu entlasten, stand die notwendige Sanierung der Grenzbrücke entgegen. Bedarfsstudien des Landratsamtes Annaberg ermittelten ein tägliches Frachtaufkommen von bis zu 4600 Tonnen! Bereits kurz nach Wiedereröffnung des Eisenbahngrenzüberganges lagerten im Bahnhof Weipert neue Behelfsüberbauten, die von der tschechischen Armee hätten binnen weniger Tage eingebaut werden können. Doch erst im Zeitraum vom 14. April bis zum 24. August 1997 kam es zur Erneuerung der Brücke aus Mitteln des EU-Förderprogramms „Phare“. Die Brücke erhielt dabei eine auf Stahlträgern ruhende Betonfahrbahnwanne. Der danach im Sommer 1997 wiederaufgenommene Reiseverkehr wurde von Juni bis Oktober 1999 wegen Oberbauerneuerung eines Teils des Streckenabschnittes Cranzahl – Bärenstein erneut unterbrochen.

Problematisch daran ist, daß bei allen Streckensperrungen kein Schienenersatzverkehr angeboten werden kann, da in Bärenstein neben dem Eisenbahngrenzübergang nur ein Übergang für Fußgänger, nicht aber für Straßenfahrzeuge eingerichtet ist. Am 27. Mai 2000 kam es wegen Oberbaumängeln im Streckenabschnitt ab Wolkenstein zur Einstellung des Zugverkehrs. Kurz zuvor, am 16. April 2000, verkehrte mit 52 8154, organisiert vom Verein „Eisenbahnmuseum Bayerischer Bahnhof zu Leipzig e. V.“ gemeinsam mit der IG Preßnitztalbahn e. V., erstmals ein deutscher Dampfsonderzug bis in das tschechische Grenzstädtchen.

Das Böhmisch-Sächsische Eisenbahnfestival

Im Jahr 2000 wurde jedoch auch eine neue Veranstaltung ins Leben gerufen, die schon ihre 4. Fortsetzung in Folge erlebt hat – das Böhmisch-Sächsische Eisenbahnfestival. Die BVO Bahn GmbH, die seit 1. Juli 1998 im Auftrag des Landkreises Annaberg die Schmalspurbahn Cranzahl – Kurort Oberwiesenthal betreibt, organisiert gemeinsam mit dem tschechischen Eisenbahnverein „Loko-Motiv“ aus Komotau dieses Eisenbahnfestival, zu dessen Höhepunkt die grenzüberschreitende Beförderung von mit tschechischen Dampflokomotiven bespannten Sonderzügen gehört. Dabei kamen bisher schon Lokomotiven der CSD-Reihen 310, 464, 423, 534 und Diesellokomotiven der Reihen 720 und 749 zum Einsatz.

Im Jahr 2002 beteiligte sich erstmals die DB Regio Netz Erzgebirgsbahn GmbH als neuer Partner an der Veranstaltung und gab während einer Präsentationsfahrt mit 642 059 schon einmal den Ausblick, wie der Zugverkehr der Zukunft auf der Zschopautalbahn Chemnitz – Weipert aussehen wird.

Am 22. Mai 2001 fuhr erstmals offiziell ein Güterzug von Weipert nach Cranzahl. Die BVO Bahn GmbH transportiert mit diesem Steinkohle für den Betrieb der Schmalspurdampflokomotiven. Dazu beschaffte sie sich eigens eine Lokomotive der ehemaligen DR-Baureihe V 60, die – durch Einstellung bei den Tschechischen Bahnen (CD) – auf deutschen Gleisen mit tschechischer Betriebsnummer unterwegs ist. Weitere Güterverkehrskunden konnten jedoch noch nicht gewonnen werden.

Gegenwart und Zukunft

Seit 14. Dezember 2003 gibt es wieder einen regulären Zugverkehr mit täglich sechs Zugpaaren zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik. Derzeit gibt es sogar Bemühungen, ähnlich wie schon derzeit auf der Strecke Johanngeorgenstadt – Karlsbad praktiziert, ein Zugpaar ins tschechische Streckennetz mit Triebwagen der DB Erzgebirgsbahn verkehren zu lassen.

Bleibt abzuwarten, wie sich der Verkehr entwickelt und von den Reisenden angenommen wird. Problematisch ist zu bewerten, daß zur Zeit für keinen der in Weipert ankommenden deutschen Züge eine Anschlußmöglichkeit nach Komotau besteht – die tschechischen Triebwagen verlassen den Grenzbahnhof 20 Minuten vor der Ankunft der deutschen Züge. Doch vielleicht erreicht man das Ziel eines günstigen Anschlusses, wenn die Züge auf der nunmehr durchgängig befahrbaren Zschopautalbahn auch endlich ihre anvisierte Streckengeschwindigkeit von bis zu 80 km/h erreichen und nicht aus signal- und sicherungstechnischen Mängeln kilometerweit mit herabgesetzter Geschwindigkeit verkehren müssen.

Es bleibt zu hoffen, daß jetzt, wo die deutschen Züge wieder Weipert erreichen, die Strecke nach Komotau auch erhalten bleibt. Denn deren Gleise sind stark sanierungsbedürftig. Ob die CD als Aktiengesellschaft, die ähnlichen Sparzwängen wie die DB AG unterliegt, das Geld für die Sanierung des Oberbaus zur Verfügung stellt?

Danilo Grund


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